Aspekte des neuen Rechtsradikalismus


Der 1967 gehaltene Vortrag Theodor W. Adornos – Aspekte des neuen Rechtsradikalismus – wurde neu herausgegeben. Mathias Beschorner über den Band und Kontinuitäten zu zeitgenössischen rechten Diskursen.
Dass die Person Theodor W. Adorno, seine Biografie und Œuvre ob seines 50. Todestages vermehrt durch das Feuilleton rauschen, ist kaum verwunderlich, braucht die bürgerliche Gesellschaft doch ihre Jubiläen und ‚kritischen Intellektuellen‘, die immer dann einzugemeinden sind, wenn es wieder einmal zu brennen scheint. Im zeitgenössischen Kontext, in dem die Erfolge rechtspopulistischer Parteien offensichtlich sind, avanciert nun auch Adornos neu herausgegebene Rede Aspekte des neuen Rechtsradikalismus zum Bestseller. Adorno für Erklärungsversuche hinsichtlich solcher Phänomene und politischen Entwicklungen zu befragen, ist ja nun einmal nicht grundsätzlich verkehrt. Dass es in dieser Gesellschaft jedoch permanent an allen Ecken und Enden brennt, ja Adorno selbst schärfster Kritiker ebenjener bürgerlichen Gesellschaft war und damit eben nicht so einfach einzugemeinden ist, wird in diesem Diskurs einmal mehr unter den Teppich gekehrt. Damit wird zugleich das Existenzialurteil Kritischer Theorie, nämlich, dass man es nach wie vor mit einer falsch eingerichteten Gesellschaft zu tun hat, die Phänomene wie den Rechtspopulismus und damit das Umschlagen in Faschismus und Barbarei eben zwangsläufig mit sich bringt, mindestens verwaschen.
Zur Aktualität des Vortrages     
Entgegen diesem Potpourri naiver Würdigungen, die zumeist mit bloßen Versatzstücken der Kritischen Theorie daherkommen und eben diese auf den berühmten Satz der Minima Moralia »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« herunterbrechen, ist es Volker Weiß zweifelsfrei zu verdanken, Adornos bisher unveröffentlichte Rede Aspekte des neuen Rechtsradikalismus herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen zu haben. Liest man das schmale Bändchen und folgt Adornos Argumentationsgang, so ist es tatsächlich frappierend, dass, wie Weiß schreibt, »ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen« vorzuliegen scheint. In dem am 6. April 1967 vor Wiener Studenten des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs gehaltenen Vortrag, seziert Adorno zwar recht ephemer, aber doch messerscharf die deutsche Ideologie und den Nazismus im Kontext seines Wiedererstarkens in der Bundesrepublik der 60er Jahre, was sich zugleich in den damaligen Wahlerfolgen der NPD konkretisierte. Bereits Adornos einleitende Worte verbieten jedoch die simple Eingemeindung als ‚kritischen Intellektu-ellen‘, macht dieser doch mit Verweis auf seinen Vortrag Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit dezidiert deutlich, »daß die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus nach wie vor fortbestehen«. In der Folge rückt Adorno damit die fortwährende, vom Kapital produzierte soziale Deklassierung und Abstiegsangst derjenigen in den Fokus, die im Produktionsprozess weit unten stehen und als »potentielle Arbeitslose« ob des drohenden »Gespenst[es] der technologischen Arbeitslosigkeit nach wie vor« einiges zu befürchten haben; die im Sinne des Rechtsradikalismus jedoch nicht die kapitalistische »Apparatur« angreifen, sondern Linke, Intellektuelle sowie sexuelle und ethnische Minderheiten. Dieser Gedanke mag nun nicht sonderlich originell erscheinen und wurde bereits lange vor Adorno von Karl Marx im Zusammenhang der Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts beobachtet. Auch für das Verständnis des heutigen Rechtsradikalismus und Nazismus ist der Aspekt sozialer Deklassierung relevant. Angesichts der gegenwärtigen Austeritätspolitik dürfte dieser Aspekt an Relevanz gewonnen haben. An der Deklassierung konnte allerdings auch der in den 60er Jahren noch einflussreiche Keynesianismus kaum rütteln, wie Adorno bemerkte.
Gerade wegen der Inanspruchnahme der freudschen Psychoanalyse seitens der Vertreter der Kritischen Theorie verwehrt sich Adorno stets individualpsychologisch verstandener Interpretationen gesellschaftlicher Phänomene, was auch in diesem Vortrag unterstrichen wird – eine Methode, durch die im heutigen Kontext die simple Pathologisierung Einzelner am Beispiel rechtsextremer oder islamistischer Attentäter betrieben wird. Eine Erkenntnis über gesellschaftliche Phänomene wie das des Rechtsradikalismus kommt damit nicht ohne eine historisch-materialistische Theorie aus, in der Individuum und Gesellschaft als vermittelt betrachtet werden: Der Nährboden für den Rechtsradikalismus ist mit Adorno damit in seiner »objektive[n] Basis«, d.h. ausschließlich in der bürgerlichen Gesellschaft und der damit verbundenen Produktionsweise selbst zu verorten, was auch erklärt, warum »die Anhänger des Alt- und Neufaschismus heute [1967] quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt sind«.
Radikalisierung, Methode und Propaganda des Rechtsradikalismus
Zudem sieht Adorno in der Angst vor dem sozialen Abstieg, die sich aus rationalen und irrationalen Motiven speist, zugleich etwas »Zentrales«, das in den apokalyptischen Untergangsphantasien, die sich zu dem »Gefühl der sozialen Katastrophe« hinzugesellen, zu sich komme. Das ist der Nährboden für die Ideologie des Rechtsradikalismus, den Adorno zugleich als Ausprägung und als »Narben einer Demokratie« begreift – einer Demokratie, die ihre eigenen Versprechen um den Pursuit of Happiness nie einzulösen vermochte. Besonders drastisch kommt dies allerdings in der »verspäteten Nation« (Hellmuth Plessner) zum Tragen, wenngleich die Demokratie an sich im Ganzen bloß »formal« geblieben sei. Ob faschistische Ideologien tatsächlich mit einer »Theorielosigkeit« einhergehen und ob es im »Faschismus nie eine wirklich durchgebildete Theorie« gegeben habe, wie Adorno konstatiert, ist fraglich, wussten doch die damaligen Kader des Nazismus und Faschismus – ebenso wie die der Neuen Rechten – ihre Schmitts, Heideggers und Paretos durchaus zu würdigen. Im heutigen Kontext genügt ein flüchtiger Blick in das neurechte Magazin Sezession um Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik, um Adorno in diesem Punkt in Frage zu stellen. Fraglos scheint indes, dass, wie Adorno weiter markiert, die »Propaganda« des Rechtsradikalismus selbst »die Substanz [einer solchen] Politik ausmacht«, die Form den Inhalt überwiege und als Mittel perfektioniert werde. Auffallend aktuell erscheinen auch Adornos Bemerkungen über das Durchsetzen immer radikalerer Positionen in rechten Parteien, was er an der historischen NSDAP und zeitgenössischen NPD beobachtete. Das lässt auch die aktuelle Situation der AfD in einem helleren Licht erscheinen. Fraglos, Geschichte wiederholt sich nicht einfach und schon gar nicht wird sie von Individuen gemacht, aber eine auffallende Analogie ist allein anhand der Riege der Parteivorsitzenden der AfD allzu offenkundig, bei der, ähnlich wie Adorno dies für die damalige NPD konstatiert, der »harte oder radikale Flügel gesiegt« zu haben scheint: Bernd Lucke und Frauke Petry, denen man wohl noch rechtskonservative und neoliberale Positionen nachsagen konnte, wurden schließlich ‚abgesägt‘. Die aktuellen Parteivorsitzenden, Jörg Meuthen und Alexander Gauland, kokettieren dagegen immer offener mit dem völkischen »Flügel« um Björn Höcke und scheinen zusehends bereit, die einstmals neoliberale Agenda der AfD für eine völkische Interpretation der sozialen Frage hintanzustellen. Dass der »Flügel« um Björn Höcke so offensiv die soziale Frage aufwerfen kann und damit bei allerlei Wählerschaft punkten kann, scheint zudem dem Versagen von Linken und Liberalen geschuldet, die sich in exorbitanter Weise in Debatten um kulturelle Überbauphänomene flüchten, nicht einmal zu keynesianischen Positionen fähig sind und das Proletariat damit zusehends der politisch Rechten überlassen. Wer diese Entwicklung noch einmal ausführlicher nachvollziehen möchte, der möge einen Blick in Didier Eribons Rückkehr nach Reims werfen.
Auch die Melange sich wiederholender Versuche von Diskursverschie-bungen gen rechts, gespickt mit Lügen und Versatzstücken von Wahrheit, die auch die heutige Politik und Propaganda der AfD maßgeblich kennzeichnet, analysiert Adorno bereits am damaligen Rechtsradikalismus. Unter Bezugnahme auf die Authoritarian Personality und die empirische Kategorie des »manipulativen Typs« macht Adorno in der rechtsradikalen Propaganda eine schlagkräftige Methode aus, für die auch die zeitgenössischen Subjekte sehr anfällig zu sein scheinen. In der Propaganda vereinigen sich zudem Antiintellektualismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus, deren Sujets Adorno bereits am Beispiel der National-Zeitung und des Studenten-Anzeigers ideologiekritisch herausschält. Schon diese Zeitungen sprachen mit einer perfiden, aber stets unterschwelligen Konkretion genau jene an, die aufgrund sozialer Deklassierung empfänglich seien, jedoch durchaus wüssten, worauf und auf welche Feindbilder immer wieder angespielt werde.
Was der kritische Theoretiker Adorno gegen all dies ins Feld führt, bleibt schließlich unkonkret, endet aber doch mit einem Bekenntnis zu Wahrheit, Vernunft und Aufklärung. Einen Punkt macht Adorno allerdings durchaus konkret: mit einem blanken Appell an Humanität kann man diesem Denken nicht begegnen. Dagegen gelte es, die tatsächlichen und »potentiellen Anhänger des Rechtsradikalismus« konsequent »vor dessen eigenen Konsequenzen« zu warnen und aufzuklären, dass der Bezug auf eine vermeintlich »wahre Demokratie« rechter Demagogie entspringe und schlussendlich gegen ihre eigenen materiellen Interessen gerichtet sei. Inwieweit eine solche Aufklärung gelingen kann, bleibt fraglich; schon Marx wies in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte – einem Text, der als frühe Faschismusanalyse betrachtet werden kann – auf das ‚merkwürdige‘ Verhalten kleinbürgerlicher und proletarischer Schichten hin, die gegen ihr eigenes Interesse handeln und diejenigen Repräsentanten wählen, von denen sie sich Vorteile erhoffen. So kann auch im Zeitalter nach den großen Nationalstaaten der Nationalismus die soziale Frage stets verdrängen, denn, wie Adorno auch ausführt, sind es gerade Ideologien in ihrem Untergang, die nochmal sehr wirkmächtig werden können.
Angesichts der aktuellen Entwicklungen um AfD und Rechtspopulismus ist Adornos Rede tatsächlich von hohem aktuellem Wert. Denn auch Volker Weiß fasst im Nachwort bündig, dass »[z]u einer Historisierung Kritischer Theorie« »kein Anlass« bestehe, da »[g]egenwärtig« »die Berührungsängste der Mitte mit dem rechten Rand« »schwinden«. Adornos Text und Denken kommen im Vortrag jedenfalls aktuell und recht präzise daher. Freilich sind Adornos Gedanken nicht 1:1 auf den zeitgenössischen Kontext zu übertragen. Im Ganzen verweist der Vortrag jedoch ideologiekritisch auf Kontinuitäten zu zeitgenössischen rechten Diskursen und hilft vor allem, deren Sujets zu entschlüsseln. Zugleich ist der Band nicht nur allen jenen ans Herz zu legen, die Ideologie und Erstarken rechtspopulistischer Parteien zu begreifen versuchen, sondern auch als nüchterner Einstieg in die Kritische Theorie zu empfehlen.

Von Mathias Beschorner

Der Text ist zuerst in der Versorgerin #124 (Dezember/2019) erschienen.
Adorno, Theodor W. (2019): Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag (1967). Mit einem Nachwort von Volker Weiß. Suhrkamp, Berlin, 89 Seiten, 10 Euro.

Roboterkommunismus – nur eine Utopie?


Mathias Beschorner über Aaron Bastani: Fully Automated Luxury Communism.
»The fact is, that civilisation requires slaves. The Greeks were quite right there. Unless there are slaves to do the ugly, horrible, uninteresting work, culture and contemplation become almost impossible. Human slavery is wrong, insecure, and demoralising. On mechanical slavery, on the slavery of the machine, the future of the world depends. […] Is this Utopian? A map of the world that does not include Utopia is not worth even glancing at, for it leaves out the one country at which Humanity is always landing. And when Humanity lands there, it looks out, and, seeing a better country, sets sail. Progress is the realisation of Utopias.«
Oscar Wilde: The Soul of Man under Socialism, 1891
Aaron Bastani ist Politikwissenschaftler und Mitbegründer von Novara Media. Bastani stellt eine starke Stimme innerhalb der britischen Linken dar und tritt oft als politischer Kommentator im Fernsehen auf. Einige seiner Ansichten zum Antisemitismusproblem innerhalb der Labour-Partei sowie dem Staat Israel sind äußerst fragwürdig und zu kritisieren. In Fully Automated Luxury Communism erörtert Bastani jedoch Ansätze einer postkapitalistischen Gesellschaft, in der die Güterproduktion zum überwiegenden Teil von künstlicher Intelligenz, Automatisierung und von Robotern organisiert würde.
»Communism is luxurious – or it isn’t communism«
Mit Hegel und Marx lässt sich konstatieren, dass das »Reich der Freiheit« erst da beginnt, wo das »Reich der Notwendigkeit« drastisch eingeschränkt ist. Wie Andreas Arndt in Geschichte und Freiheitsbewusstsein weiter argumentiert, ist die Entwicklung des Freiheitsbewusstseins der Notwendigkeit jedoch nicht äußerlich – das wäre idealistischer Unfug –, sondern steht vermittelt daneben, was freilich nach einem entsprechenden »politischen Rahmen« »verlangt«.[i] Die Linke hat das mit der Freiheit, der Notwendigkeit und dem »politischen Rahmen« nie richtig verstanden: im Realsozialismus wurden Arbeit, Elend und Klasse vergöttert und die Marx‘sche Losung »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« kollektivistisch pervertiert. Zwar haben Neue Marx-Lektüre und Postmarxismus derartigem Denken zarte Risse versetzt; vollends emanzipiert hat sich die Linke davon jedoch nicht. Stephan Grigat hat das auch in der Versorgerin ausgeführt[ii] und entsprechend auf dissidente Stimmen verwiesen. Erfreulicherweise bezieht sich Bastani mitunter auch auf Oscar Wilde. Communism benutzt Bastani zudem in Abgrenzung zum Realsozialismus; er stellt sich dagegen in die Tradition Marx‘ selbst, der damit eine Welt vor Augen hatte, »in which work is eliminated, scarcity replaced by abundance«.
Ein Ende vom Ende der Geschichte?
Auch nach dem von Francis Fukuyama postulierten Ende der Geschichte fällt der Linken dagegen kaum etwas ein, was sinnig über das Bestehende hinausweisen könnte: Postwachstumstheorien fallen z.B. deutlich hinter kapitalistische Vergesellschaftung zurück und bedienen das Bedürfnis nach naivem Idealismus, Verzichtsethik sowie Autoritarismus.[iii] Liefert Bastani einen diskussionswürdigen Entwurf, der das Freiheitsbewusstsein im Sinne eines Hegelmarxismus weiterentwickeln könnte?
Bastani widmet sich zunächst kritisch den Thesen Fukuyamas und moniert zurecht deren Deutungshoheit. Fukuyama postulierte nicht das Ende der Zeit, sondern den Siegeszug der westlich und kapitalistisch verfassten Demokratie, die die finale Vergesellschaftungsform der Menschheit darstelle, ein postideologisches Ende eingeleitet hätte und in welcher keinerlei fundamentalen neuen politischen Ideen mehr aufkämen. Jedoch, so Bastani, zeugten Klimawandel und die soziale Frage von der Naivität dieser Thesen, obwohl sie als »sacrosanct« und »common sense« betrachtet würden. Bastani hebt fünf fundamentale Krisenproblematiken globalen Ausmaßes hervor: Klimawandel und globale Erwärmung, Ressourcenknappheit, alternde und rasant steigende Bevölkerung, durch technische Innovation verursachte Arbeitslosigkeit und Armut. Diese fünf Krisen untergraben laut Bastani die Fähigkeit des Kapitals ‚sich selbst zu heilen‘. Dennoch sei es im Sinne Fukuyamas »easier to imagine the end of the world than the end of capitalism«. Doch was hat Bastani dieser Deutungshoheit entgegenzusetzen?
FALC – »A world beyond jobs, profit and even scarcity«
Bastani zeigt sich als ausgesprochener Kenner der politischen Ökonomien von Smith, Ricardo, Malthus und Keynes; darüber hinaus liefert er im Sinne des Untertitels des Kapitals eine überzeugende Kritik der politischen Ökonomie. Zudem bietet Bastani einen außerordentlich umfangreichen Überblick über technologische Innovationen und Wandlungsprozesse innerhalb der Moderne sowie der vergangenen Dekaden. Vor allem das 2. Kapitel überzeugt hierbei mit einer Fülle an Beispielen, die vom Energiesektor über das Gesundheitswesen bis hin zu den Potenzialen der Raumfahrt aufzeigen, dass eine postkapitalistisch strukturierte Gesellschaft mit Güterüberfluss möglich sei.
Hervorzuheben ist hierbei, dass Bastani keiner idealistischen Träumerei anhängt, sondern mit einer minutiösen Beobachtung von gesellschaftlichen Strukturen und technischen Entwicklungen arbeitet. Schon Marx sperrte sich dagegen, konkret auszumalen, wie eine befreite Gesellschaft aussehen könnte. Bastani liefert also keine absurde Science-Fiction, sondern empirisch fundierte Beobachtungen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren. In Abgrenzung zur Malthusianischen Bevölkerungsfalle[iv] und zu Keynes, führt er zudem ein Szenario an, in dem Güterknappheit besiegt sei. Mit Marx und gegen den Keynesianismus argumentiert er überzeugend, dass das kapitalistische System »politically contested« sei.
Das Buch bietet auf 288 Seiten einen roten Faden, der immer wieder um die auch in der Sozialwissenschaft breit diskutierte These des jobless growth kreist. D.h., dass durch technische Rationalisierungen und Automatisierungsprozesse zusehends weniger menschliche Arbeitskraft im Produktionsprozess benötigt werde. Schon heute wird immer mehr physische und kognitive Arbeit von Robotern und Maschinen verrichtet. Tendenz steigend. Die Informationstechnologie wird damit zum Produktionsfaktor Nummer 1 und Roboter, Drohnen und Maschinen könnten in absehbarer Zeit die Ware menschliche Arbeitskraft vollends ersetzen. Dahingehend verweist Bastani darauf, dass Marx entgegen ‚falscher‘ Lesarten ausdrücklich die vom Kapitalverhältnis entfesselten Produktivkräfte in den höchsten Tönen lobte und verdeutlicht dies anhand eines Bezugs auf das »Maschinenfragment« aus den Grundrissen, das entgegen der exorbitanten Bedeutung des Manifests der Kommunistischen Partei kaum wahrgenommen werde. Schon in den Grundrissen verweist Marx jedoch auf die steigende Bedeutung von Informationen im Produktionsprozess.
Jedoch dienen Informationstechnologie und Automatisierung von Produktion in einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft nicht menschlichen Bedürfnissen, sondern zum überwiegenden Teil der »Verwertung des Werts«. In Kombination mit einem Arbeitsfetischismus, den man quer durch alle politischen Lager antrifft, entstehen heute immer mehr sogenannte »Bullshit-Jobs« (David Graeber). Folgt man Marx, so kann die Entwicklung der Produktivkräfte jedoch Produktionsverhältnisse revolutionär sprengen, woraus neue Formen von Vergesellschaftung resultieren können. Die Weiterentwicklung der Produktivkräfte bildete damit schon bei Marx die grundlegende Voraussetzung zur Einschränkung des »Reichs der Notwendigkeit« und damit die Bedingung zur Emanzipation von menschlicher Arbeit. Dahingehend stellt Bastani das rationelle Ausnützen der Produktivkräfte unter einer damit einhergehenden Veränderung der Produktionsverhältnisse, einen Zugewinn an freier Zeit, Selbstbestimmung, Individualismus sowie Luxus für breite Bevölkerungsschichten in Aussicht. Bastanis Analyse des Status quo sowie die sich durch technische Innovationen ergebenden Möglichkeiten für eine potenziell postkapitalistische Gesellschaft machen den Hauptteil des Buches aus und lesen sich recht überzeugend.
»Luxury Populism«
Im abschließenden dritten Teil erläutert Bastani politische Strategien und entwirft in Abgrenzung zu einem rechten Populismus das Modell eines »Luxury Populism«. Damit richtet sich Bastani zugleich gegen Postwachstumstheorien und pocht stattdessen auf die materiellen Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten. Eine politische Strategie jedoch, die nicht »red and green« sei, und damit nicht Individualismus einfordere sowie die Bedrohungen durch den Klimawandel reflektiere, sei zum Scheitern verurteilt; zudem hätte sie sich im Gegensatz zur traditionellen Arbeiterbewegung gegen die Arbeit an sich zu richten. Hierzu bedürfte es mitunter der Forderung umfassender Veränderungen im Transportwesen und öffentlicher Güterversorgung, womit Bastani auch ein bedingungsloses Grundeinkommen anführt.
Wie bei allen technologischen Revolutionen in der Geschichte – Bastani streicht die neolithische, den Buchdruck und die industrielle Revolution heraus -, werden auch bei dieser die Veränderungen Jahrzehnte brauchen. Aber, so Bastani abschließend, es gehe nicht um die Zukunft, sondern um »a present which is already here«. In wieweit Bastanis politische Perspektiven und Strategien überzeugen, sei der Leserin überlassen.
Kritisch hervorzuheben sind mindestens jedoch zwei Punkte: 1. Bastanis Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus gerät bisweilen in ein simples Elitenbashing und vergisst, dass auch die herrschenden Klassen im Sinne Marx ‚lediglich‘ als »Charaktermasken« fungieren und damit nur bedingt intentionales Handeln vorliegt. 2. Bei allem Fortschrittsoptimismus hinsichtlich technischer Innovationen – Bastani verfällt hin und wieder recht deutlich in versteckte und offene teleologische Erwägungen – bleibt mit der kritischen Theorie zu reflektieren, dass technische Errungenschaften nicht zwangsläufig zu einem besseren gesellschaftlichen Zustand, sondern auch zu neuen Herrschaftsformen führen können.
Darüber hinaus gelte es auch mit feministischen Ansätzen soziale Beziehungen, Care-Arbeit und das Verhältnis Mensch/Natur stärker zu hinterfragen, denn das bleibt Bastani deutlich schuldig. Ein vernunftgeleitetes Eingedenken von Erster und Zweiter Natur im Sinne der kritischen Theorie müsste dagegen die Grundlage bilden. Dass Bastani dies nicht reflektiert, ist offenkundig, und dennoch bleibt abschließend zu sagen, dass das Buch einige Ansätze bietet, die der Utopie eines Müßiggangs im Sinne Theodor W. Adornos zuträglich sein könnten: »auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, ‚sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung‘ könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.«[v]

von Mathias Beschorner

Diese Buchbesprechung ist zuerst in der Versorgerin #123 (September/2019) erschienen.
Das Buch ist am 11. Juni bei Versobooks erschienen.
Bastani, Aaron (2019): Fully Automated Luxury Communism. Versobooks. New York und London, 288 Seiten, 20,99 Euro.
[i] Arndt, Andreas: Geschichte und Freiheitsbewusstsein. Zur Dialektik der Freiheit bei Hegel und Marx, Berlin 2015, S. 100ff.
[ii] Grigat, Stephan: Die Arbeit nieder! In: Versorgerin Nr. 117.
[iii] Siehe hierzu auch die vierte Ausgabe des Distanz-Magazins unter: http://distanz-magazin.de/magazin/4-postwachstumskritik/.
[iv] Die von Thomas Malthus entwickelte Theorie der Bevölkerungsfalle hat große Bedeutung für Postwachstumstheorien und wird dort affirmativ verwendet. Hat diese Theorie für vorkapitalistische Gesellschaften noch gewisse Berechtigung, blamiert sie sich vor der Realität und den Möglichkeiten moderner Produktivkräfte.
[v] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Sur l‘eau. Digitale Bibliothek Band 97: Gesammelte Schriften, S. 1953-1955 (vgl. GS 4, S. 179).

Antisemitismus und der Hass auf die „halbierte Aufklärung“

Samuel Salzborns neues Buch Globaler Antisemitismus als Plädoyer für einen antimissionarischen Universalismus.
Der derzeitig am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin als Gastprofessor arbeitende Politikwissenschaftler Samuel Salzborn gilt als einer der renommiertesten Experten zum Thema Antisemitismus. Sein neues Buch bietet eine strukturanalytische und weltgeschichtliche Perspektive, die einerseits pointiert den Stand der theoretischen Antisemitismusforschung widerspiegelt, andererseits schlüssig das Phänomen des Antisemitismus zu erhellen in der Lage ist. Er schafft dies anhand einer ideengeschichtlichen Verortung, die Konstanten, Variablen und Transformationsprozesse antisemitischen Denkens aufzeigt. Auf 257 Seiten und in drei Abschnitten gegliedert kann er den eigenen Anspruch – den Gegenstand vor allem theoretisierend zu durchdringen – einlösen.
Antisemitismus als Basisstruktur moderner Vergesellschaftung
Salzborn begreift Antisemitismus kaum einfach als rassistisches Vorurteil; dieser ist mehr aufgrund der „Halbierung der Aufklärung“ als maßgebliche Struktur moderner Vergesellschaftung zu fassen. Zwar begann sich die Aufklärung im Sinne einer „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) vom göttlichen Allmachtsanspruch zu lösen, sie inthronisierte jedoch einen neuen Glauben an Wissenschaft und eine Hybris des Menschen, die zu neuem Ausschluss und szientistischem Rasseglauben führte. Damit lehnt sich Salzborn an die kritische Theorie, insbesondere die Dialektik der Aufklärung, sowie die auf der Marxschen Fetischkritik basierende AS-Theorie Moishe Postones an.[1] Antisemitismus ist demnach als eine der bürgerlichen Vergesellschaftung immanent entspringende „Logik, die strukturell Antisemitismus produzieren muss“ zu begreifen, da sie auf der Wert- und Warenform basiert. Weiter bildet Antisemitismus im Gegensatz zum Rassismus eine umfassende Welterklärung, die abstraktes Denken negiert und auf Konkretion und physische Vernichtung jüdischen Lebens drängt. Aufgrund dieser strukturellen Verortung ist Antisemitismus nicht nur in der politischen Rechten manifest, sondern ebenso in linken Kontexten, sowie der bürgerlichen Mitte verankert; darüber hinaus auch in islamischen Zusammenhängen.
Demokratisierungswellen und Gegenwellen
Innerhalb seiner globalen Perspektive fungiert 9/11 für Salzborn als „historische[r] Kristallisationspunkt“, der mit der Gefahr einer „antisemitischen Revolution“, die sich mit allerlei gegenaufklärerischen Bewegungen verbinden könne, einhergehe. Zentraler Angelpunkt bildet Samuel P. Huntingtons Clash of Civilizations. Dieser Rückgriff stellt jedoch einen kritischen dar, der zudem versucht, Huntington der deutschen Rezeption, die mit allerlei Essentialisierungen aufwarte, zu ‚entreißen‘ und einige seiner Grundpositionen wieder fruchtbar macht. Salzborn geht chronologisch von drei zentralen Demokratisierungswellen aus, auf die immer eine Gegenwelle folge. Demnach befinde man sich nach Nationalsozialismus und Antiimperialismus in einer dritten Gegenwelle, in der der islamische Antisemitismus das „Zentrum der dritten antisemitischen Revolution“ darstelle. Aus einer historisierenden Perspektive mag man dieser (Re-)Konstruktion Grobschlächtigkeit vorwerfen. Jedoch sind globalisierungstheoretische Annahmen notwendigerweise immer mit einer gewissen Ausblendung des Besonderen verbunden; zudem ist sich Salzborn dieses Problems bewusst und räumt ein, dass er diese Generalisierung als „analytische Deutung“ versteht, die „streitbar“ und nicht unfehlbar sei. Sie ist eher als Interpretationsangebot zu fassen. Den zeitgenössischen (gegenaufklärerischen) Bewegungen attestiert er, die Versprechen der „halbierten Aufklärung“ nicht auszuweiten – wie noch Feminismus, Antikolonialismus und Sozialismus – sondern Aufklärung in toto negieren zu wollen. Auch die Arabellion, die sich letztlich alles andere als aufklärerisch und freiheitsbefördernd herausgestellt habe, führt Salzborn beispielhaft an. Das Banner und die sie einigende Klammer sei allzu oft antisemitisches Denken und ein damit verbundener Hass auf die Dialektik von Freiheit und Gleichheit. Schon der Begründer der Politologie, Alexis de Tocqueville, machte diese Spannung von Freiheit und Gleichheit im 19. Jahrhundert als zentrales Charakteristikum moderner Vergesellschaftung aus. Analog zu Eric Hobsbawm (Das Gesicht des 21. Jahrhunderts) geht Salzborn davon aus, dass sich die gegenwärtigen Konflikte kaum noch als Kampf zwischen Staaten und Nationen fassen lassen, sondern zunehmend von informelleren Gruppen getragen werden, die sich „kollektivistisch und identitär gegen Zivilist(inn)en“ richteten. 9/11 sei damit nicht nur als Angriff auf die USA zu betrachten, sondern als antisemitischer „Anschlag auf die Aufklärung und die Moderne“.
Salzborn stellt zudem eine Problematik von Weltanschauung linker Provenienz heraus: Die im Anschluss an postkoloniale Theorie gebildeten Perspektiven und Bewegungen begriffen Emanzipation nicht mit, sondern ausschließlich gegen die Aufklärung, was dazu führe, dass politische Aktivisten mit Islamisten und Nazis zusammenarbeiten. Auch wenn er postmodernen Positionen eine anfänglich berechtigte Kritik und „emanzipatorische[n] Anspruch“ einräumt, moniert er die einseitige Verwerfung der Aufklärung und verdeutlicht dies an zentralen Vordenkern wie Edward Said und Judith Butler. In diesen Diskursen erkennt er zugleich das Fehlen von Sachargumenten und ‚echten‘ Diskussionen; vielmehr seien sie vom Auflösen des Politischen in Sprechortkategorien und Kulturalisierungen geprägt:

 „Man kann sowohl die brutalen Praktiken des Kolonialismus kritisieren und trotzdem gleichzeitig betonen, dass eine regressive Gemeinschaftsstruktur, wie sie nicht selten von den Opfern des Kolonialismus verfolgt wurde, keine Alternative zur Aufklärung sein kann.“

Zudem weist er den Begriff der „Islamophobie“ zurück, mit dem jedwede Kritik an Religion mit antimuslimischem Rassismus vermischt werde. Salzborn unterstreicht dagegen, dass eine Kritik an Religion „zweifelsfrei eine Spielart von Rassismus sein [kann], sie kann aber auch einer liberalen, einer feministischen, einer aufklärerischen Haltung folgen“. Auch die wohltuend nüchtern vorgetragenen kritischen Einlassungen bezüglich der BDS-Bewegung und der Delegitimierung des israelischen Staates durch antisemitische Denkmuster überzeugen. Jedoch hätten diese Themen durchaus mehr Raum verdient, berühren sie doch zentrale Debatten des zeitgenössisch-politischen Kontexts.
Die Notwendigkeit eines antimissionarischen Universalismus
Im letzten Teil widmet sich Salzborn psychoanalytischen Deutungen und erläutert Verdrängungsleistungen sowie Schuldabwehrantisemitismus und kritisiert das Fehlen konkreter Aufarbeitung der Vergangenheit im Sinne Theodor W. Adornos. Exemplarisch fungieren die Beschneidungsdebatte, allerhand projektive Vorwürfe gegenüber Israel sowie die Rede Martin Walsers von 1998, die Salzborn als Indikator dafür betrachtet, dass sich Unsagbares wieder sagen lässt. Gegen jede Form von Antisemitismus und den damit verbundenen Hass auf die „halbierte Aufklärung“ führt Salzborn ein Plädoyer für kritischen, antimissionarischen Universalismus ins Feld; der die Ambivalenz moderner Vergesellschaftung aushält und im Modus einer (aufklärerischen) Selbstkritik die „Omnipotenzphantasie“ und Inthronisierung menschlicher Hybris kritisch zu reflektieren in der Lage wäre. Es ist ein Denken, das kritisch, aber bestimmt an Moderne, Aufklärung und Rationalismus festhält, Demut vor menschlicher Sterblichkeit aufnimmt und antisemitisch-konkretistisches Fühlen bekämpfen kann. Carl Schmitt als historisches sowie Enzo Traverso als zeitgenössisches Beispiel dienen Salzborn hingegen als Spielarten politischen Denkens, die die Ambivalenz moderner Gesellschaft zugunsten eines Kulturrelativismus, dem, „egal, ob er sich antiimperialistisch, postkolonial, völkisch, identitär oder islamistisch nennt“, keinerlei Zugeständnis zu machen wäre.
Mit Salzborn gibt es also keine Alternative: die Dialektik der Aufklärung ist auszuhalten und kritisch zu reflektieren, anstatt „identitär, postmodern oder völkisch“ zu negieren. Im zeitgenössischen Kontext, in dem zunehmend politische Strömungen Auftrieb erhalten, die sich mal mehr, mal weniger antisemitischer Stereotype bedienen, kann Globaler Antisemitismus helfen, antisemitische Denkfiguren aufzuschlüsseln. Darüber hinaus wäre die Voraussetzung zur Bekämpfung – wie Joseph Schuster (Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) es im Vorwort formuliert – das Problem nicht weiter zu negieren, sondern als Angriff auf die gesamte Gesellschaft zu begreifen. Trotz der strukturanalytischen Einbettung der Subjekte, ist Globaler Antisemitismus immer auch ein Plädoyer dafür, Antisemitismus mit Sartre bis zu einem gewissen Grad als „freie Wahl“ zu begreifen. Es besteht also die Möglichkeit, sich derartiger Denkmuster zu entledigen – freilich nicht immer, manchmal nur graduell. Denn, so endet Salzborn, wenn der „Antisemitismus“ erst „das Individuum“ vollständig „emotional erfasst“ habe und „zum leidenschaftlichen Weltbild geronnen“ sei, bleibe als letzte Option nur noch die Möglichkeit „radikale[r] Bekämpfung“. Im Sinne einer wehrhaften Demokratie ist Salzborn unbedingt zuzustimmen und das inkludiert repressive und militärische Maßnahmen gegen Antisemitismus.

von Mathias Beschorner

Diese Buchbesprechung ist zuerst in der Versorgerin #121 (März/2019) erschienen.
Salzborn, Samuel (2018): Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Mit einem Vorwort von Josef Schuster. Beltz Juventa, Weinheim, 257 Seiten, 24,95.
[1] Vgl. Postone, Moishe (1982): Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Dan Diner (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt am Main 1988.

Besprechung von Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik

Nach den Sammelbänden Feministisch streiten und Beißreflexe, die hohe Wellen in den Debatten linker, feministischer und akademischer Provenienz schlugen1, legt der Berliner Querverlag einen neuen Sammelband auf, der vom Historiker Vojin Saša Vukadinović herausgegeben wird und thematisch anschließt. Vukadinović war bereits als Autor an Beißreflexe beteiligt, tritt als scharfer Kritiker der Gender Studies und queerem Aktivismus hervor und schrieb unter anderem für Emma und Jungle World eingreifende Kritiken. Insgesamt zeichnet sich der Band durch ein breites Themenspektrum aus, das sich in 38 Beiträgen um die dem Untertitel entsprechenden Kategorien entfaltet und in 7 Sektionen untergliedert ist.

Vukadinović leitet den mit fast 500 Seiten recht voluminösen Essayband damit ein, dass „[d]er Genderfeminismus, der Antirassismus und der Queerfeminismus“ „Karikaturen geschlechter-, migrations- und sexualpolitischer Emanzipationsregungen“ seien. Diesen „pessimistischen Befund“ nimmt der Band „zum Ausgangspunkt, um über den Verrat an der Mündigkeit nachzudenken“. Das Spektrum der Kritik reicht von den nach „Euphemismen für Genitalverstümmelung“ suchenden AkademikerInnen über die fatale Deutungshoheit von Sprechort- und Kollektivierungskategorien, die mit der „Akzeptanz noch für die absurdesten Identitätsentwürfe“ zusammenfallen, bis zum Ausblenden und Marginalisieren von Antisemitismus. Weiter wird konstatiert, dass die Gender Studies unfähig seien, sich kritisch zum Jihadismus zu positionieren und dieser Disziplin nolens volens jeder „Bezug zur Wirklichkeit“ abhanden gekommen sei, während „Nizza, Berlin und Barcelona“ offenkundig die reale Wirkmächtigkeit des Jihadismus aufzeigten. Hierbei stellt Vukadinović Thomas Maul, Fathiyeh Naghibzadeh sowie Philippe Witzmann als Dissidenten heraus: diese ehemaligen Studenten der Gender Studies hätten bereits seit den 2000ern auf „Fehlentwicklung in Wissenschaft und Aktivismus“ hingewiesen, wobei deren „harsche, aber notwendige Kritik“ jedoch „ignoriert“ oder schlichtweg als Rassismus gebrandmarkt werde. Vukadinović schließt mit einer Klage an die der postmodernen Theorie entsprungenen Postcolonial und verwandten Gender Studies: so kennen diese nur noch „’Wahrheiten’“ und würden sich im höchsten Maß am „Verfall des Denkens“ beteiligen. Wie Vukadinović an anderer Stelle ausführt, ist ihm an einem Paradigmenwechsel gelegen, der sich wieder vermehrt aus der Tradition der zweiten Frauenbewegung speist.2

Wie Beißreflexe und Feministisch streiten trägt auch dieser Band berechtigte Kritik an postmodernen Ansätzen und am politischen Aktivismus queerer Provenienz vor. Dass hierbei kaum grundsätzlich neue Argumente verhandelt werden, könnte man nun wie folgt deuten: die linke (und feministische) Debatte scheint ziemlich auf der Stelle zu treten, was sich in der stetigen Veröffentlichung von einführenden Sammelbanden und Debattensammlungen, die zum überwiegenden Teil Zweitverwertung darstellen, äußert. Deshalb sei hier auch auf eine deutliche Schwäche verwiesen, die schon die beiden Vorgängerbände auszeichnete: Die AutorInnen jonglieren zwar mit Universalkategorien, wie Freiheit, Mündigkeit und Wahrheit, die jedoch großflächig unbestimmt und undialektisch sowie unvermittelt nebeneinander stehen bleiben. Gerade dadurch liefern sie sich allzu leicht einer (dann auch berechtigten) Kritik durch postmoderne Positionen aus. Manche Argumente erscheinen damit als verlängerter Arm Maulscher Restvernunft, die zwar mit Buzzwords wie ‚Freiheit‘ und ‚Mündigkeit‘ um sich wirft, aber längst zum bloßen Jargon verkommen ist – was nicht allzu untypisch für zeitgenössische Positionen aus dem Spektrum der antideutschen bzw. ideologiekritischen Szene ist. Das ist jedoch keine Absage an das Buch, denn en détail bleiben einige der darin verhandelten Beiträge, Ausführungen und Kritiken sehr lesenswert, andere hingegen sehr grobschlächtig und theoretisch vage, wodurch sich insgesamt ein ambivalenter Leseeindruck einstellt. Polemiker wie Maul und Witzmann mögen durchaus in einigen Punkten berechtigte Einwände erheben – darin ist auch Vukadinović zuzustimmen – dennoch bleibt auch zu reflektieren, dass Mauls ‚Kritik‘ an #MeToo unter anderem in die völlige Affirmation des Bestehenden umschlägt.3 Sehr kritikwürdig ist in diesem Kontext exemplarisch die Aussage Anastasia Iosselianis in dem Beitrag „Iranischer Imperialismus, antiimperialistischer Egalitarismus“, dass „Antiimperialismus – gleich welcher Form und Schule“ abzulehnen sei. Folgt man dem Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn, so gälte es bezüglich Antiimperialismus und Antikolonialismus eher in „eine aufgeklärt-egalitäre, eine identitär-universalistische und eine – so paradox es klingen mag – selbst rassistische“ Variante zu unterscheiden.4

Es wäre zudem äußerst sinnvoll gewesen, den Queerfeminismus ideengeschichtlich richtig zu verorten. Erst so ließe sich eine überzeugende Fundamentalkritik auf die Füße eines historisch-materialistischen Feminismus stellen, dessen Begriff von Universalismus nicht so unvermittelt wäre, wie dies bisweilen in Freiheit ist keine Metapher erscheint. Einer der zentralen Blöcke von Freiheit ist keine Metapher „Sediment des Zeitgeists – Zur Popularität des unkritischen Werks von Judith Butler“, kommt dagegen allzu polemisch daher; so ersucht Marco Ebert in seinem Beitrag Butler mit Bezug zu Leo Löwenthal als Falsche Prophetin auszuweisen. Natürlich ist es geboten, Butlers Verharmlosungen und Relativierungen von Jihadismus im Allgemeinen sowie Hamas und Hizbollah im Besonderen scharf zu kritisieren, was auch Ebert in seinem Beitrag schafft; das gilt besonders für Butlers in der Theorie angelegten Antizionismus. Sie jedoch als ordinäre Faschistin vom Schlage eines William Dudley Pelley zu markieren, erscheint allzu leichtfertig und plump. Hinsichtlich Butlers Gender-Theorie sollte vielleicht auch noch einmal eine generelle Debatte darüber angestoßen werden, worin eigentlich tatsächlich ein kritischer Gehalt liegen könnte und was in der Rezeption daraus gemacht worden ist. Denn Butlers Theorie war von ihrer Stoßrichtung her explizit antiidentitär ausgerichtet und forderte nicht das Kategorisieren um des Kategorisieren willen; jedoch ist es im queeren Milieu längst Usus, Schublade um Schublade zu öffnen und jegliche Emotion, Charaktereigenschaft oder sexuelle Orientierung neu zu kategorisieren, was einem vom Anspruch her antiidentitären Denken ziemlich zuwider läuft. Dass ‚Freiheit‘ keine Metapher sei, bleibt insgesamt ob der begrifflichen Unschärfe zu vage, da genau dies laut dem – wohlgemerkt – didaktischen Anspruch des Titels verdient hätte, genauer ausgeführt zu werden. Kurzum: Dem Band fehlt damit deutlich ein einführender Beitrag, der sich den Kategorien von Freiheit, Mündigkeit, Wahrheit etc. annimmt. Man hätte diese in einer an Hegel angelehnten bestimmten Negation verorten können, die z.B. deutlicher den Ausschluss des ‚Weiblichen‘ zu fassen vermag und diese Begriffe und Kategorien im Sinne einer dialektischen Betrachtung beweglich und offen hält, anstatt sie – wie das partiell getan wird – so starr und ahistorisch gegen die zurecht kritisierten Dogmen der Postcolonial und Gender Studies anzuführen.

Dass das anders geht, zeigt der bereits 1993 erschienene Sammelband, Der Streit um Differenz, in dem es Seyla Benhabib im Streitgespräch mit Judith Butler überzeugend gelang, eine universalistische Position, die sich in der kritischen Theorie verortet, zu beziehen. Die dort verhandelten Debatten zwischen Benhabib, Butler, Drucilla Cornell und Nancy Fraser können als Gespräch zwischen zweiter und dritter Welle des Feminismus gelesen werden und haben an Aktualität nichts eingebüßt. Sich gegen das vermeintlich offenkundige Bündnis von Postmoderne und Feminismus wendend, welches zeitgenössisch noch stärker als 1993 ausgeprägt sein dürfte, fragte Benhabib: „Feminismus oder Postmoderne?“ und unterstrich, dass „die postmodernen Positionen nicht nur das Spezifische der feministischen Theorie auslöschen, sondern sogar das Emanzipationsideal der Frauenbewegung schlechthin in Frage stellen“.5 Gegen Postfeminismus und Poststrukturalismus Butlerscher Provenienz, die auf dem Tod des Subjekts, der Geschichte und aller Metaphysik beruhen, plädiert Benhabib darin für eine schwache Version dieser „Tode“, die zugleich versucht das politische Subjekt der Frau zu erhalten. Wollte man dem selbst gesetzten didaktischen Anspruch daher gerecht werden, der explizit herauszuarbeiten hätte, was eben genau am Partikularismus und Kulturrelativismus postmoderner Provenienz und der damit verbundenen Absage an einen universalistischen Feminismus so problematisch sei, hätte man dies deutlicher anhand einer immanenten Kritik der feministisch-postmodernen Positionen herausarbeiten können. Recht unterbelichtet bleibt in Freiheit ist keine Metapher zudem das Konzept des Intersektionalismus. So bezieht sich Rocio Rocha Dietz in ihrem Beitrag zwar auf die Kritik durch die Sozialwissenschaftlerin Karin Stögner und streicht korrekt heraus, dass in der Trias von Race, Class und Gender der Antisemitismus nicht vorkomme bzw. lediglich unter der Kategorie Race subsumiert werde. Von Dietz ausgeblendet wird hierbei jedoch, dass Stögner sich vielmehr an einer rettenden Kritik des Intersektionalismus versucht, die Ideologien wie Antisemitismus, Sexismus und Rassismus in ihren Verstrickungen zur Gesamttotalität zu begreifen sucht und damit eine Vermittlung zur kritischen Theorie Horkheimers und Adornos anstrebt. Die Frage nach dem Intersektionalismus – gleich ob man sich affirmativ oder kritisch dazu positioniert – bleibt im Band kaum berührt, wenn dieser nicht nahezu vollends negiert und für unbrauchbar erklärt wird.6

Verbleibt der zeitgenössisch vorherrschende Begriff des Intersektionalismus tatsächlich unterkomplex, was das Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus angeht, so weisen Sama Maani, Polina Kiourtidis und Hannah Kassimi mit Verweis auf die in der Tradition der kritischen Theorie stehenden Wissenschaftler Moishe Postone und Detlef Claussen auf eine notwendig vorzunehmende Unterscheidung beider Phänomene hin. Kiourtidis stellt hierbei auch heraus, dass es ein „Mythos“ sei, dass „zwischen Antisemitismus und Antizionismus“ eine „klare Trennung“ vorliege.

Schlussendlich hätte man auch Edward Saids Orientalism sowie dessen überbordende Rezeption in den Geisteswissenschaften, auf das mitunter weite Teile Butlers Argumentation rekurriert7, umfassend diskutieren müssen. Das Saidsche Gründungswerk des Postkolonialismus verfügt etwa in Ethnologie und Religionswissenschaft über maßgebliche Deutungshoheit und hat der politisch Linken über zahlreiche Multiplikatoren vermittelt die Fähigkeit zu einer Religionskritik – gleich ob im Voltaireschen, Feuerbachschen oder Marxschen Sinn – ausgetrieben.8 Bis auf wenige Ausnahmen – Ljiljana Radonić, Hannah Kassimi, Fathiyeh Naghibzadeh und Janina Marte – die sich rudimentär mit Said auseinandersetzen oder ihn als problematischen Angelpunkt der Postcolonial Studies zumindest benennen, lässt dies das Buch leider vermissen. Ungeachtet der mangelnden inhaltlichen Tiefe und diesen Versäumnis bleibt offenkundig, dass eine an den Postcolonial und Gender Studies angelehnte kulturrelativistische Haltung Kinderehen, Angriffe und Säureattacken auf Frauen sowie Vollverschleierung und Genitalverstümmelung schön redet bzw. gar verleugnet. Man reibt sich immer wieder verwundert die Augen über derartige Relativierungen und mag kaum glauben, dass sich als Feministen verstehende Subjekte derartig positionieren, aber diese Dinge sind evident und werden im Band anhand zahlreicher Beispiele veranschaulicht. Trotz der angesprochenen Schwächen soll hier eine Leseempfehlung stehen bleiben, die zugleich einfordert, sich umfassender mit den Ikonen der Gender und Postcolonial Studies auseinander zu setzen. Im Zentrum einer kritischen Auseinandersetzung mit postmodernen Dogmen hätten dabei unbedingt Saids Rassismus und „Israelkritik“ zu stehen, ohne das Theorem des Orientalismus vollends zu negieren, denn dieses gälte es im Sinne kritischer Theorie einem Zeitkern der Wahrheit nach entsprechend kritisch zu reflektieren. Die Kritik postkolonialer Theoriebildung im Allgemeinen und Saids sowie Butlers im Besonderen darf deshalb auch nicht darin umschlagen, die Geschichte des wissenschaftlichen Rassismus und Kolonialismus zu verleugnen. Das Problem besteht viel eher in der Dogmatisierung dieses Theorems sowie im Ausblenden Saids eigener rassistischer Perspektive, die alles westliche Denken negiert9 und jeglichen antiimperialistischen Bewegungen einen Freifahrtschein ausstellt, weil sie auf der Romantisierung des ‚Anderen‘ beruht. Ein gutes Beispiel für eine emanzipatorische Analyse liefert hingegen Dennis Schnittler in seinem Beitrag „Der ewige Neger“, in dem er eine umfangreiche materialistische Analyse des Rassismus und der Verschränkung von Produktivitätsgefällen mit kolonialer Geschichte vorlegt.

Positiv hervorzuheben sind auch die Beiträge, die sich mit dem Iran und dem Jihadismus beschäftigen. So wird der totalitäre Charakter des theokratischen Regimes der Iranischen Republik bündig und prägnant analysiert. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er auf der Sharia fußend die Negation einer Gewaltenteilung legitimiert und bis ins äußerste Privatleben durchgesetzt wird sowie als oberstes Ziel die Auslöschung des Staates Israel inne hat. Der politische Islam wird dabei als nicht mit den Grundsätzen universeller Menschenrechte und persönlicher Freiheit vereinbar charakterisiert. Dies wird von vielen westlichen Linken aufgrund der Dogmen des Kulturrelativismus und Antiimperialismus geleugnet und fußt auf einem unterkomplexen Weltbild (Unterdrücker versus Unterdrückte). Das führt mitunter dazu, dass koloniale Vergangenheit islamisch-arabischer Herrschaft ignoriert wird, bedienen sich derartige Perspektiven doch einem strikten Okzidentalismus (Ian Buruma und Avishai Margalit), der ausschließlich den Westen, nicht aber das imperialistische Regime in Teheran zu betrachten in der Lage ist. Richtig ist auch, dass dem Weltbild des postmodernen Antiimperialismus und Kulturrelativismus folgend, der imperialistische Charakter des Iranischen Regimes ignoriert wird, was in der Unterstützung des Al-Quds-Tages sowie der BDS-Kampagne durch Linke gipfelt. Beides hat seine Ursprünge im Iran.10

Hinsichtlich des Jihadismus analysiert der Psychoanalytiker Maani die klagende „Weltsicht aller Islamisten“, die den Verlust von „Würde“ und „Ehre“ und damit den Machtverlust des politischen Islam fürchten; Maanis Deutung nach identifiziere und sehne sich der Islamist nach einem goldenen Zeitalter des „frühen Islam“, was seinen „Wut und seinen Hass“ „radikalisieren“ und an den USA, Israel, Juden sowie dem Kapitalismus ausagieren lasse. Das Gezeter um die Mohammed-Karikaturen dient Maani hierfür als negatives Exempel, dem er das Beispiel vom 2011 aufgeführten Theaterstück The Book of Mormon entgegenhält, was nicht ansatzweise zu ähnlichen Reaktionen geführt habe, da im kollektiven Bewusstsein der Mormonen der Ehrbegriff nicht annähernd so verankert sei; vielmehr habe die mormonische Kirche lakonisch wie folgt reagiert: „Sie haben das Stück gesehen, lesen sie jetzt – das Buch“. Es bleibt zu hoffen, dass sich linke Gesellschaftskritik reformulieren lässt, die sich gegen die Neue Rechte positionieren kann, ohne die Kritik der Religion der Kritik des Rassismus zu opfern. Dass „Freiheit weder westlich, noch östlich, sondern universal“ sei, wie es iranische Feministinnen zuletzt Anfang 2018 forderten, bleibt damit an den Marxschen kategorischen Imperativ zu koppeln: „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Freiheit ist keine Metapher kann bei allen angesprochenen Kritikpunkten durchaus einige Argumente hierfür liefern.

von Mathias Beschorner

Vojin Saša Vukadinović (Hg.)

Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik

Querverlag zu Berlin 2018

489 Seiten

20 Euro

1 Z.B. an der Reaktion Judith Butlers und Sabine Harks, bei der die Kritik von Beißreflexe in die Nähe der Neuen Rechten gerückt worden ist, ablesbar: Vgl. Butler, Judith; Hark, Sabine: Die Verleumdung. Denunzieren die „Emma“ und die Verfasser des Buches Beißreflexe die Gender-Theorie? Judith Butler und Sabine Hark finden die Angriffe infam und wehren sich. In: Zeit: https://www.zeit.de/2017/32/gender-studies-feminismus-emma-beissreflex, 2. August 2017, abgerufen am 16.10.2018.

2 Vgl. Vukadinović, Vojin Saša: Butler erhebt „Rassismus“-Vorwurf. In: Emma: https://www.emma.de/artikel/gender-studies-sargnaegel-des-feminismus-334569, 28. Juni 2017, abgerufen am 16.10.2018.
3 Exemplarisch hierfür: Maul, Thomas; Schneider, David: Asexuelle Belästigung. Warum #MeToo ein großangelegter Übergriff auf die Residuen bürgerlicher Zivilisation ist. In: Bahamas: Nr. 78, 2018.
4 Siehe Salzborn, Samuel: Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Theorie im Kontext, Baden-Baden 2015, S. 113ff.
5 Siehe Benhabib, Seyla: Feminismus und Postmoderne. Ein prekäres Bündnis. In: Benhabib, Seyla; Butler, Judith; Cornell, Drucilla; Fraser, Nancy (Hg.): Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart, Frankfurt am Main 1993, S. 9 bzw. 13.
6 Vgl. Pintul, Naida: Regressive Lifestyles bewerben. Queerfeminismus – das aktivistische Verfallsprodukt des Gender-Paradigmas, im vorliegenden Sammelband.
7 Vgl. Butler, Judith: Am Scheideweg. Judentum und die Kritik am Zionismus, Frankfurt am Main 2013.
8 Siehe Weiß, Volker: Dröhnendes Schweigen. Früher war Religionskritik die vornehmste aller marxistischen Tugenden. Doch zum Glaubensterror des islamischen Fundamentalismus hat die westliche Linke nichts zu sagen. In: Zeit: http://www.zeit.de/2015/15/religionskritik-linke-fundamentalismus-islamismus. 23. April 2015, Abgerufen am 16.10.18.
9 Vgl. Salzborn: Kampf der Ideen, S. 34 und S. 149.
10 Vgl. Markl, Florian: Der Ursprung der Israel-Boykottbewegung. In: Sans Phrase, Zeitschrift für Ideologiekritik, Nr. 11, 2017, S.49ff.

Feministisch streiten oder: Zum Stand des zeitgenössischen materialistischen Feminismus

Besprechung von Koschka Linkerhand (Hrsg.): Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen

Allerorten herrscht Einigkeit darüber, dass mit dem derzeitigen Feminismus nicht mehr viel anzufangen ist. Der Queerfeminismus dominiert dieses Feld politischer Theorie und Praxis so allgegenwärtig, dass selbst diejenigen ihn oft notgedrungen ins Zentrum ihres feministischen Denkens stellen, die ihn ausdrücklich ablehnen – wenn auch ex negativo, in Form der Kritik. So notwendig diese Kritik auch ist: Die oft in einem Nebensatz eingestreute Bekundung, sich der „zweiten Frauenbewegung“ und/oder einem „materialistischen Feminismus“ verpflichtet zu fühlen, geht selten über dieses Bekenntnis hinaus und bleibt theoretisch vage, wie man zuletzt am Beispiel von dem (nichtsdestotrotz notwendigen) Sammelband Beißreflexe sehen konnte.[1] Dazu kommt, dass die wegweisende Theorieproduktion jenes vielbeschworenen ‚materialistischen Feminismus‘ schon einige Jährchen auf dem Buckel hat – man denke an Silvia Federicis Wages against housework (1975), Jessica Benjamins Bonds of Love (1988) oder Roswitha Scholz‘ Das Geschlecht des Kapitalismus (2000). Was also versteht man heute, im Jahr 2018, unter materialistischem Feminismus‘? Hier will Feministisch streiten von der in Leipzig lebenden feministischen Theoretikerin Koschka Linkerhand Antworten geben. Der Band, der 25 Beiträge von verschiedenen Theoretikerinnen und Aktivistinnen aus Leipzig und dem Rest Deutschlands versammelt, versteht sich zwar nicht primär als wissenschaftlich. Er schafft es aber, kompakt und pointiert einige grundsätzliche theoretische und praktische Eckpfeiler dessen, was ein universalistischer, materialistischer und an der Kritischen Theorie geschulter Feminismus im Jahr 2018 sein könnte, zu skizzieren und zusammenzubringen.
Gemäß seiner titelgebenden Leitmaxime stellt der Sammelband zentrale gegenwärtige Kampfplätze des Feminismus aus seiner eigenen, zum Queerfeminismus quer liegenden Perspektive vor. Die Kampfplätze werden in den Kapitelüberschriften angedeutet: Es geht um geschlechtliche Differenz, Sexualität/Körper/Sozialisation, Lohnarbeit, Bewegung, Sprache, Intersektionalität, Streit. Aufgrund der Prägnanz und des Überblickscharakters vieler Beiträge kann der Band mit gutem Gewissen als Einstiegslektüre empfohlen werden. Er mag als Streitschrift für Anhängerinnen der postmodernen Identitätspolitik dienen, eignet sich aber auch gut als theoretische Einführung für jene, die sich mit dieser nicht (mehr) identifizieren können und nach Alternativen suchen sowie für jene, die sich bereits mit materialistischer Gesellschaftskritik befasst haben und sich einen Überblick über feministische Theoriebildung verschaffen wollen. Angesichts der Fülle der verhandelten Themen und Theorien scheint es mir sinnvoll, zur näheren inhaltlichen Bestimmung vier übergeordnete Denkbewegungen hervorzuheben, die meines Erachtens einen aktuellen materialistischen Feminismus im Sinne der Autorinnen von Feministisch streiten charakterisieren und den Sammelband wie rote Fäden durchziehen.

  1. Das Ineinander von (Selbst-)Kritik und Theoriebildung

Ja, auch Feministisch streiten arbeitet sich an fragwürdigen bis gefährlichen Positionen innerhalb des Feminismus ab. Zu nennen wären etwa die Sprachpolitik, die Auflösung des politischen Subjekts Frau oder ein Kulturrelativismus, der antirassistisch sein will und doch selbst rassistisch und antisemitisch ist. Der Band gibt sich mit Kritik allein allerdings nicht zufrieden, sondern fragt dezidiert danach, wie eine universalistisch-materialistische Perspektive auf oben genannten Probleme, z.B. einer diskriminierenden Sprache etc. aussehen könnte. Damit kommt der Band einer Forderung nach, die Linkerhand in dem programmatischen Beitrag Angst und Aggressivität im Feminismus als „die wichtigste Bestimmung“ des gegenwärtigen materialistischen Feminismus benennt: nämlich sich Objekte jenseits seiner selbst zu setzen, d.h. über die permanente selbstreferentielle Kritik an der feministischen Theorie, die den gegenwärtigen Stand des Feminismus kennzeichnet, hinauszugehen und die Kritik wieder auf äußere Objekte zu richten. Die Tendenz im Queerfeminismus und in ‚betroffenheitsfeministischen‘ Bewegungen wie #metoo, sich gegen Widerspruch und Reflexion abzuschotten zugunsten eines möglichst sensiblen und rücksichtsvollen Umgangs untereinander, sowie Aggressionen primär gegen sich selbst zu richten – in Form autoritärer Verhaltens- und Sprachregulationen – deutet Linkerhand als Effekt der typisch weiblichen Sozialisation und damit als Fortsetzung geschlechtsstereotyper Angst- und Schulddynamiken. Feministinnen, so die richtunggebende These des Bandes, müssen entgegen dieser Sozialisation (wieder) lernen, ihre Aggressionen (sublimiert) gegen äußere Gegenstände feministischer Kritik, wie die kapitalistische Ökonomie, die Politik, Sexualität, Geschichte, Kunst, Sozialisation etc. zu wenden und – neben der Selbstkritik – dezidiert Streit zu suchen. Wie Formen des Streits aussehen können und warum auch die Form der Polemik nicht unangetastet bleiben sollte, wird so kontrovers wie erhellend in einem eigenen Kapitel diskutiert, aber auch an den einzelnen Beiträgen vorgeführt.
2.Die Wiederaneignung der vom Queerfeminismus besetzten Themen
In der Auseinandersetzung mit zentralen Objekten feministischer Kritik wird schnell deutlich, dass nicht wenige vom Queerfeminismus geradezu „besetzt“ sind. Das meint: Bestimmte Problematiken scheinen so eng mit der queerfeministischen Theoriebildung verzahnt, so tief von ihr durchdrungen, dass sie von Gegnerinnen derselben mit der postmodernen Theorie in eins gesetzt und daher vernachlässigt, einseitig aufgelöst oder als Probleme gar ausgeblendet oder geleugnet werden. Dies betrifft zum Beispiel die Themen Transsexualität bzw. trans Weiblichkeit, Sprachkritik, Körperpolitik à la Body-positivity und natürlich auch Rassismus und eine wie auch immer gedachte ‚Intersektionalität‘. Es ist das große Verdienst des Bandes, hier nicht in reflexhafter Abwehrhaltung einfache, entgegengesetzte Schlüsse zu ziehen und die Themen damit sich selbst bzw. der queerfeministischen Ideologie zu überlassen, wie dies sowohl in feministischen, als auch in linken oder postlinken Kreisen teilweise üblich ist. Beispiel: Weil der gegenwärtige antirassistische Feminismus an Islamapologie, Antizionismus, Kulturalismus etc.pp. krankt, wird sich von der Emma bis zur Bahamas gar nicht mehr mit Rassismus befasst oder schlimmer noch, es wird mit rechten Positionen kokettiert. Dagegen erhebt Feministisch streiten den Anspruch, das Problem selbst (z.B. die Verschränkung von Rassismus und Sexismus oder diskriminierende Sprache) wieder ernst zu nehmen, sie aus einer universalistisch-materialistischen Perspektive neu zu denken und etwa auch Konzepte wie das der Intersektionalität begrifflich zu ‚retten‘, ohne sie gegen andere Konfliktfelder auszuspielen oder in eine Hierarchie der Probleme einzuordnen. Das gelingt nicht immer gleich gut. Während es z.B. der Beitrag Das Unbehagen mit dem Sternchen des Antifaschistischen Frauenblocks Leipzig schafft, für eine materialistische Sprachkritik als ein Teil feministischer Kämpfe zu argumentieren, bleiben die Beiträge zu Rassismus und Feminismus sowie der Beitrag über trans Weiblichkeit im Austarieren all der Ambivalenzen ihrer Sujets streckenweise im Vagen und manchmal Floskelhaften („Widersprüche aushalten“) stecken. Auch wenn man nicht vergessen darf, dass beide geradezu Pionierarbeit leisten, wünscht man sich für kommende Bearbeitungen noch mehr analytische Schärfe.
3. Die Neuperspektivierung von klassischen linken Themen
Doch nicht nur um queerfeministisch besetzte Objekte wird gestritten, sondern auch um klassische linke Themen. Dass ein Feminismus, der sich materialistisch nennt, auf der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie fußt, liegt auf der Hand. Es ist die Feministinnen seit langem umtreibende Verquickung von Patriarchat und Kapitalismus, sowie die für den Neoliberalismus konstitutive Doppelbelastung von Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit der Frauen, die hier im Fokus stehen. Sowohl die Beiträge von Charlotte Mohs als auch von Sabrina Zachanassian erarbeiten eine Theoriegeschichte feministischer Ökonomiekritik und machen diese anschlussfähig sowohl an neue Lesarten des Marxismus wie Fetischkritik und Kritische Theorie, als auch an die gegenwärtige wirtschaftliche und politische Lage der Frau in Europa. Dabei wird wahlweise nach konkreten Klassenkämpfen von Frauen, oder gesellschaftlichen Utopien gefragt. Das (wiederentdeckte) Interesse an Ökonomie, der Klassenfrage und einer materialistisch fundierten Perspektive auf politische Praxis treibt derzeit noch weitere progressive kommunistische Projekte um[2] – es bleibt zu hoffen, dass sich hier auch theoretische Synergien ergeben, wo sie nicht schon bestehen. Problematisch, weil weder mit dem sonst so dialektischen Vorgehen noch einem kritisch-theoretischen Verständnis von Aufklärung vereinbar, wird es allerdings dort, wo in der notwendigen Abkehr von queeren ‚safe spaces‘ implizit Gewalt gegen frauenverachtende Männer als legitime Praxisform gebilligt wird – wie im Beitrag des Autorinnenkollektivs „Zora Zobel findet die Leiche“ über weibliche Militanz. Bis in die kleinsten und unangenehmsten Widersprüche hinein reflektiert dagegen ist Koschka Linkerhands Wiederbelebung der feministischen Religionskritik. In ihrer scharfen und zugleich differenzierten materialistisch-universalistischen Kritik des Islam zeigt sie die Notwendigkeit feministischer Theorie für eine solche auf.
4. Die dialektische Verschränkung von Identitätspolitik und universalistischer Gesellschaftskritik
Der wohl wichtigste rote Faden des Bandes ist der Versuch einer dialektischen Vermittlung von Partikularismus und Universalismus, welche Emanzipationsbestrebungen seit jeher innewohnt: Auf der einen Seite, so die Autorinnen, sei es notwendig, sowohl das individuelle, als auch das politische Subjekt Frau, wiederum verstanden als Ineinander von Gleichheit und Differenz, zu stärken. Das heißt, dass in konkreten Fällen bis zu einem gewissen Grad Identitätspolitik betrieben werden muss. Gleichzeitig tut es wiederum not, Differenzen unter den Frauen, aber auch unter Frauen und Männern zugunsten einer universalistischen Perspektive, die die Emanzipation der Frau im Kontext des gesellschaftlichen Ganzen und der Befreiung der Menschheit im Allgemeinen einfordert, zurückzustellen.
5. Fazit
Der Vorteil des Bandes – einen tendenziell niedrigschwelligen und möglichst breitgefächerten Einblick in eine Vielzahl von Themen und Theorien zu geben – ist zugleich sein Nachteil. So kommen notgedrungen viele Themen zu kurz, werden nur angerissen oder zu knapp ausformuliert. Dazu zählt meines Erachtens besonders weibliche Sexualität und weibliches Begehren oder der Standpunkt des Mannes in der feministischen Theorieproduktion und –rezeption. Jetzt, wo eine gewisse Vielseitigkeit bewiesen wurde, bleibt zu hoffen, dass sich ein etwaiger Folgeband stärker in die analytische Tiefe wagt – und dass die Autorinnen bzw. Akteurinnen in Union mit etwa den kritischen Genossinnen der Beißreflexe tatsächlich einen – von Linkerhand einleitend postulierten – Paradigmenwechsel im zeitgenössischen Feminismus einleiten.

von Anja Thiele

Linkerhand, Koschka (Hrsg.). Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen.
Querverlag 2018
328 Seiten
16,90 Euro
 
[1] Einige Beiträge, wie etwa der Leitartikel von Patsy L‘amour laLove sind davon auszunehmen. Feministisch streiten wiederum wurde laut der Herausgeberin durch den ermutigenden Erfolg von Beißreflexe angeregt und erscheint auch im selben Verlag.
[2] Speziell für Leipzig wäre hier die translib – Communistisches Labor zu nennen. Ein bundesweites Beispiel wären die Salonkommunisten, aber auch das vorliegende Magazin.