Neue, alte Normalität 

Eine linke Position zur Coronapandemie jenseits Virusverharmlosung und wohlfeiler Maßnahmen-Schelte: Grünen-Mitgründer Thomas Ebermann denunziert die Normalität der Gesellschaft unter Bedingungen der Pandemie. 

Das dritte Jahr der Pandemie zählt einerseits bis jetzt rund 138.000 Tote – weltweit über 6,2 Millionen exklusive Dunkelziffer der Elendsregionen –, unzählige Schwererkrankte und sogenannte Normalverläufe. Andererseits: Gelassenheit, Zuversicht und Entwarnungen – und stets das Mantra, man müsse nun mal mit dem Virus leben. Die Rückkehr zur Normalität – das Glücksversprechen pandemischer Zeiten – wurde, mal mit Mut, mal mit Sehnsucht garniert, geradezu allgegenwärtig beschworen. In der nunmehr fünften Coronawelle wurden zwar bis vor Kurzem beinahe täglich neue Infektionsrekorde vermeldet, Stimmen aber, die schärfere Maßnahmen forderten, sucht man inzwischen vergebens. So hat ein namhafter Virologe schon mal realitätsgerecht zu Protokoll gegeben, dass man in Zukunft die Diskussion wird führen müssen, »wie viele Coronatote pro Winter wir uns erlauben wollen«. Aber normal.  
Für den Dramaturgen und Publizisten Thomas Ebermann dagegen reimt sich Normalität keineswegs auf Glück, sondern auf entfremdete Arbeit und falsche Bedürfnisse. Er hat ein im Wortsinne radikales Buch zum Thema vorgelegt, das nur vordergründig eine Polemik gegen jegliche Verharmlosung der potenziell tödlichen Krankheit darstellt. Im Kern verhandelt die Schrift, wie das Ausnahmegeschehen von der Normalität der verwalteten Welt strukturiert wird, und wie wiederum die Ausnahmesituation jene Normalität verklären lässt. Vermessen wird nicht der Widerspruch von Anspruch und Umsetzung der Pandemiepolitik. Deren Anspruch und Ideal selbst stehen hier zur Kritik.

Pandemie als gesellschaftlich produzierte Naturkatastrophe 

Die Kritik? Das ist die an Marx geschulte, materialistisch ihrem Sinn nach, die danach trachtet, den Verhältnissen ihre eigene Melodie vorzuspielen. Ausgangspunkt von Ebermanns Analyse ist die Art und Weise gesellschaftlichen Produzierens. Mit scharfem Blick wird die sogenannte Normalität mit all ihren Zumutungen thematisiert. Und damit auch mögliche Ursachen der Pandemie. Diese, ist sich Ebermann mit dem politischen Virologen Rob Wallace einig, sind nicht abzutrennen von der fortschreitenden Naturbeherrschung und intensiven Landwirtschaft. Deutlichen Widerspruch erfährt der Talkshow-Dauerbrenner, die Pandemie sei eine Naturkatastrophe. 
Was, wenn die Pandemie nicht, wie landläufig behauptet, quasi schicksalhaft über die Menschheit gekommen ist, sondern ihren Ursprung letztlich in Produktion und Konsum hat? Wenn man sie also, analog zum Klimawandel, als etwas Menschengemachtes – Ebermann übersetzt: »von der kapitalistischen Produktionsweise Erzeugtes« – zu begreifen hat? Impliziert Normalität selbst die Katastrophe, wird man die gerufenen Geister freilich nicht so einfach wieder los. Und noch der beste Katastrophenplan, bemerkt Ebermann, hat dann etwas vom Kampf gegen Windmühlen. 
Ebermann weiß um und reflektiert die relative Wirkungslosigkeit dieser Position. Das ist sympathisch, bedenkt man, wie kraftmeierisch manch Publikation daherkommt, die ihre eigene Ohnmacht und Schwäche nicht selten mit ordentlich Tamtam zu kompensieren sucht. Wahrheitsgehalt ist für Ebermann das entscheidende Kriterium, nicht die Reichweite. Wer die Flaschenpost entkorkt, erfährt allerhand Wissenswertes in Sachen Gesellschaftstheorie. Reflexionen über die instrumentelle Vernunft des Spätkapitalismus etwa oder Überlegungen zur Ideologie und Verharmlosung des Todes, zur Kritik der Bedürfnisse, Gedanken über die historische Transformation von äußerem Zwang in Selbstzwang sowie Lehrreiches über das »Pathogene im Normalen«. Dabei sind Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse gewiss nicht die schlechtesten Zitatgeber. 

Akzeptierte Opfer der Pandemie 

Seine »systemirrelevanten Betrachtungen« lesen sich wie eine theoretisch fundierte Kritik im Handgemenge der Pandemie und ihrer Verarbeitungsdiskurse. Skizziert wird ein Vorgang der »verordneten Schizophrenie«. Der private Bereich wurde eingeschränkt, während man die Welt der Lohnarbeit aufrechterhielt. Im Privaten sollte man vorsichtig sein und die Kontakte zählen und – wohl oder übel – risikobereit auf dem Weg zur Arbeit und im Büro, der Werkshalle oder Fabrik. Während Restriktionen das öffentliche Leben einschränkten – damit das zuvor unter Normalbetrieb kaputtgesparte Gesundheitssystem nicht kollabiert –, blieb die Wirtschaft beinahe unangetastet. 
So starben Menschen, die nicht hätten sterben müssen. Ebermann spricht in diesem Zusammenhang von einer »kontrollierten Durchseuchung«, von einer Gleichzeitigkeit von »Durchseuchung und Immunisierung durch Impfung«. Dieser »unauflösliche Zusammenhang von Lebensrettung und seiner Opferung« nehme Opfer billigend in Kauf. Opferbereitschaft werde eingefordert und das »Sterbenlassen« als Preis der Freiheit und des Wohlstands legitimiert. Für ihn zeichnet sich hier eine sozialdarwinistische Tendenz ab, die sich in Pandemiezeiten noch verstärkt – eine Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern der Pandemie, die er als Fortführung einer allgemeinen Gleichgültigkeit deutet. 

Der Staat als Pandemiebekämpfer 

Hat der Staat also angesichts der vielen Toten versagt? Ist er womöglich eingeknickt vor »Querdenkern« oder Lockerungsdebatte? »Diskurs und faktische Lockerungen waren keineswegs nur Reflex auf Hygienedemos und ihr Potenzial«, lautet Ebermanns These, »sondern sie spiegeln kapitalistische Notwendigkeiten und sind Teil einer neuen Balance zwischen den Anforderungen der Wirtschaft und den zu akzeptierenden Opfern.« 
Ebermann erinnert daran, dass der Staat in der Pandemie vor allem eines tut – er funktioniert seinen Kernaufgaben entsprechend. Weder war ein Mangel an Arbeitskraft zu beklagen – es konnte also durchgehend produziert werden – noch mussten die für die Weltmarktkonkurrenz relevanten Bereiche stillgelegt werden. Die Akkumulation, auf deren Gelingen der Staat angewiesen ist, wurde in der Balance zwischen Lockerung und Lockdown nicht beschädigt. 
Das ist das Einmaleins materialistischer Staatskritik auf die Pandemie angewandt. Der moderne Staat ist demnach weder bloßes Herrschaftsinstrument noch neutrale Instanz. Er fungiere vielmehr als eine Art »ideeller Gesamtkapitalist«, der den Rahmen setze, Interessen ausgleiche und das Funktionieren des Ganzen zu gewährleisten habe. Zu betonen, dass der Staat in der Pandemie bestens funktioniere, seinen Aufgaben also gerecht werde, wiegt freilich ungleich schwerer als das Vorrechnen seiner organisatorischen Fehler und Versäumnisse. Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems wird vermieden und das Sterben in geordneten Bahnen akzeptiert. Denn: »Der Staat organisiert den Tod und schützt das Leben.«

Recht auf unbeschädigtes Leben 

Mit der Parole von »der Feindschaft gegenüber dem Tod« wird deutlich, wie sehr Ebermanns Schrift als ein humanistisch gesinntes Plädoyer für das Recht auf Leben – das uneingeschränkt gute Leben – zu sehen ist. »Einvernehmen mit dem Tod«, zitiert er Marcuse, »ist Einvernehmen mit dem Herren über den Tod: der Polis, dem Staat, der Natur oder dem Gott.« So wird aus der banalen Tatsache, dass jede und jeder einmal sterben muss, das Einverständnis mit den Sachzwängen der verwalteten Normalität. 
Ein Anhänger der mittlerweile verstummten »Zero Covid«-Kampagne, die z.B. Schließungen von Betrieben forderte, ist er aber auch nicht. Ihr attestiert er vielmehr, sich in gut gemeinten, konstruktiven Vorschlägen zu verheddern. Von Ebermann ist dann auch kein Verbesserungsvorschlag und kein ausgetüfteltes Programm zu erwarten. Sein Programm ist die Negation. 
Wo Normalität mit Freiheit verwechselt wird und das Sterben zum Kollateralschaden gerät, hat Gesellschaftskritik einen schweren Stand. Wahre Freiheit aber, in der Gesundheit nicht länger stillschweigend mit Funktionstüchtigkeit gleichgesetzt wäre – das blitzt in Ebermanns Buch negativ immer wieder auf –, wäre erst jenseits bekannter Normalität denkbar. 

Thomas Ebermann, »Störung im Betriebsablauf. Systemirrelevante Betrachtungen zur Pandemie«, Konkret Verlag: Hamburg 2021, 134 Seiten, 19,50 Euro 

Bastian Bredtmann 

Letzter Ausweg Impfpflicht?

Debattenbeitrag von Stefan Taubner

Als man sich im Frühling 2021 in Deutschland um die Impfung gegen Covid-19 rangelte, manches Home Office plötzlich systemrelevant wurde und besonders Linke eine stärkere Priorisierung anmahnten, ahnten viele noch nicht, dass nur wenige Monate später schon der gesellschaftliche und politische Druck in die entgegengesetzte Richtung wuchs, um Ungeimpfte von der Impfung zu überzeugen. Mit Blick auf europäische Nachbarn wie Frankreich oder Italien, in denen bereits früh die Möglichkeit einer gesetzlichen Pflicht zur Corona-Impfung diskutiert wurde, versicherte die damalige Bundesregierung aus Union und SPD, dass ein solches Vorgehen in Deutschland nicht zur Debatte stünde. Auch von den anderen Parteien traute sich im Vorfeld der Wahl zum Bundestag keine, das Thema aufzugreifen. Gleichzeitig stieg der Druck auf Ungeimpfte durch verschiedene Maßnahmen durchaus, beispielsweise durch Zugangsbeschränkungen im Freizeitbereich, Testpflicht oder Lohnausfall im Quarantänefall. Die hohen Infektions- und Todeszahlen, insbesondere in Sachsen, konnten mit solchen Entscheidungen freilich nicht verhindert werden. Die Krankenhäuser im Osten und Südosten Deutschlands waren wieder am Limit und vor schweren oder tödlichen Krankheitsverläufen konnten Ungeimpfte bestenfalls nur durch präventive Kontaktbeschränkungen geschützt werden, insofern diese überhaupt durchsetzbar waren. Drei Monate, nachdem Olaf Scholz eine Impflicht für Deutschland ausgeschlossen hatte, meinte der neue Bundeskanzler, dass es „wichtig [wäre], dass wir eine allgemeine Impfpflicht etablieren.“ Einer Umfrage zufolge unterstützten im Dezember 2021 63 % der Deutschen ein solches Vorgehen, 30 % lehnten eine Impfpflicht ab. Als Ende 2020 die ersten Impfstoffe gegen Covid-19 in Europa zugelassen wurden, war laut Umfragen noch eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen eine verpflichtende Impfung. Nachdem trotz verfügbarer Impfstoffe auch 2021 kein Ende der Pandemie absehbar war, verschärfte sich der Ton und auch der gesellschaftliche Umgang miteinander. Während vor allem aus dem Querdenkerspektrum heraus auch regelmäßig Übergriffe gegen MaskenträgerInnen verübt wurden, identifizierten sich gleichzeitig immer mehr Menschen mit einer verlängerten Exekutive und gingen gegen MaskengegnerInnen vor. Der Kampf gegen die Corona-Pandemie oder eben auch gegen die imaginierte Corona-Verschwörung wird zudem auch individuell geführt. Dass es dabei vor allem um eine Überwindung der eigenen Ohnmachtserfahrung geht, zeigt die zunehmende Härte der Auseinandersetzungen und die abnehmende Bedeutung (zweck-)rationaler Argumente. Die Gefahr, die dabei von Maßnahmen-GegnerInnen, die sich zum Teil in einem Freiheitskampf auf Leben und Tod wähnen, ausgeht, bleibt unbestritten und wird durch zahlreiche Gewalttaten bis hin zum Mord belegt. Wenn aber nach allen politischen Maßnahmen der letzten Monate und unter dem Eindruck der Omikron-Variante, deren Verbreitung durch die derzeitigen Impfstoffe kaum verhindert werden kann, Gesundheitsminister Lauterbach fordert, „jetzt müssen die Ungeimpften ihren Beitrag leisten“, wird blinder Aktionismus zur Grundlage des staatlichen Handelns. Entscheidend ist nicht mehr der konkrete Nutzen einer Maßnahme (man denke nur an die Abschaffung der kostenlosen Schnelltests für Ungeimpfte im Oktober) oder deren Verhältnismäßigkeit, sondern das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Bereits im November sprach Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebundes, von der „Tyrannei der Ungeimpften“. Mit dem Andauern der Pandemie spielt die Schuldfrage eine immer größere Rolle in den gesellschaftlichen Debatten. Zur Überwindung der Ohnmacht bietet sich die Identifikation mit dem Staat und seinen möglichst einschneidenden Maßnahmen an. Die Positionierung gegen das staatliche Pandemiemanagement beruft sich dagegen auf die ‚Freiheit‘ des blinden Konkurrenzkampfs und fragt zynisch-naiv, ob wir nicht das Sterben verlernt hätten.

Zwischentöne dagegen werden schwieriger. Wer eine Impfpflicht ablehnt, findet derzeit wenig politischen Anschluss abseits der sich radikalisierenden Querdenker-Bewegung. Diese wiederum profitiert von der Zuspitzung und kann sich noch stärker (zusammen mit der AfD, mit der sie teilweise verbunden ist) als einzige Opposition im politischen Umgang mit der Corona-Pandemie präsentieren. Diese Entwicklung stellt auch das vorgebliche Ziel einer allgemeinen Impfpflicht infrage. Sie soll dazu beitragen, die Impfquote in der Bevölkerung zu steigern und so den Druck auf das Gesundheitssystem reduzieren – letztlich vor allem eine volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Abwägung. Mit Blick auf die vergangenen Monate wurden Ungeimpfte allerdings bereits stark unter Druck gesetzt und waren mit finanziellen Nachteilen oder dem Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben konfrontiert, zumindest wenn die Vorgaben auch kontrolliert und umgesetzt wurden. Die Impfpflicht ändert an diesem Prinzip nichts. Auch hier soll mit Geldbußen der nötige Druck aufgebaut werden. Der entscheidende Unterschied läge in der Umsetzung der Kontrollen: Theoretisch könnte überall in der Öffentlichkeit der Impfstatus kontrolliert werden, zumindest solange es kein allgemeines Impfregister gibt, auf das die Gesundheitsämter zurückgreifen können. Mit Einführung eines solchen Registers gäbe es dagegen keine Möglichkeit mehr, sich der staatlichen Kontrolle und Sanktionierung zu entziehen. Der Impfstatus wäre dann Teil der grundlegenden staatsbürgerlichen Pflichten.

Die Aufgabe individueller Freiheiten zugunsten eines Souveräns gehört zu den Grundlagen des Staatswesens. Während in Diktaturen oder absoluten Monarchien das Verhältnis von Pflichten und Rechten von wenigen oder sogar einer Einzelperson entschieden wird (sofern sie auch die Mittel hat, die jeweilige Ordnung durchzusetzen), finden in Demokratien in der Regel komplizierte Aushandlungsprozesse statt, auch wenn diesen inhaltlich durch die Kapitalverwertung Grenzen gesetzt sind. Diese Aushandlungsprozesse traten während der Corona-Pandemie zunehmend gegenüber Sachzwängen und ‚alternativlosen‘ Maßnahmen zurück. Eine solche Entwicklung ist durchaus nachvollziehbar. In Katastrophensituationen müssen oft Entscheidungen getroffen werden, die erst nachträglich diskutiert und bewertet werden können. Eine Pandemie findet zudem gewissermaßen als Katastrophe in Zeitlupe statt; das wäre selbst im Fall fehlender Maßnahmen allein durch die jahrelangen Infektionswellen der Fall. Als dominierende Stichwortgeber dieser Sachzwänge und des Umgangs mit diesen wurde in Politik und Öffentlichkeit jetzt häufig die (Natur-)Wissenschaft präsentiert, obgleich Virologie, Epidemiologie und Co. nichts anderes taten als früher, wenn auch auf einmal sehr präsent. In der Hinwendung zur positivistischen Wissenschaft kamen zwei gesellschaftliche Bedürfnisse zum Ausdruck: Zum einen schien diese eine Situation, die vom Einzelnen weder erfasst noch bewältigt werden kann, beherrschbar zu machen. Binnen weniger Monate wurden Millionen Deutsche (in anderen Ländern dürfte es ähnlich gewesen sein) zu Hobby-VirologInnen und überboten sich gegenseitig mit dem Wissen über die neuesten Infektionszahlen, Mutationen und Impfquoten. Zum anderen ließ sich auch die Verantwortung für den richtigen Umgang mit der Pandemie auf spezialisierte WissenschaftlerInnen übertragen, was besonders im politischen Bereich noch einmal verstärkt wurde – die Grenzen zwischen Wissenschaft und Politik schienen zu verschwimmen. Dass Wissenschaft keine Zwecke setzen kann, spielt in diesem Wunsch nach Naturbeherrschung keine Rolle mehr, so wie auch unter den weitgehend verloren gegangenen utopischen Potenzialen heute meistens nur noch Sozialtechnik verstanden wird. Werden die damit verbundenen Hoffnungen auf Beherrschung oder Überwindung der Pandemie oder gar die Durchsetzung einer solidarischen Gesellschaft, für die tatsächlich viele Linke 2020 die Pandemie als Chance sahen, enttäuscht, nehmen ideologische Verengung und Erfahrungsverweigerung weiter zu – das Coronavirus wird dann zum Platzhalter für unterschiedliche politische Haltungen und Strömungen, die im konkreten Bezug zum Virus die Chance zur Überwindung ihrer allgemeinen gesellschaftlichen Ohnmacht zu erkennen glauben. Wenn aber die Erwartungen in die Wissenschaft von dieser nicht erfüllt werden bzw. gar nicht erfüllt werden können, weil sich gesellschaftliche Entwicklungen und menschliches Handeln (glücklicherweise) immer noch nicht berechnen lassen, nimmt die Suche nach Schuldigen, die die Berechnungen versaut haben, in öffentlichen Debatten immer mehr Raum ein. Da spielt es keine Rolle mehr, dass das lange Zeit ausgegebene Ziel einer Immunisierung von zwei Dritteln der Bevölkerung längst überschritten wurde und der aktuelle Impfstoff die Übertragungsrate der Omikron-Variante nur wenig reduziert. Wer dagegen nicht von den staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie oder von der Impfpflicht überzeugt ist, neigt unter diesen Bedingungen leicht dazu, das Pandemie-Management als Komplott von Staat und Wissenschaft wahrzunehmen. Da aus beiden Perspektiven die erfahrene individuelle Machtlosigkeit nur durch das Finden von Schuldigen überwunden werden kann, nimmt die Spaltung weiter zu und damit auch die Gefahr einer Stärkung der extremen Rechten, die, von Teilen der FDP abgesehen, zur wichtigsten öffentlichen Stimme gegen eine Impfpflicht geworden ist.

Dass der Staat nie die ‚richtige‘ Entscheidung treffen konnte, ist allerdings auch klar. Als institutioneller Garant des kapitalistischen Wettbewerbs und Vertreter des Staatsvolks nach außen muss er das individuelle Profitstreben auch volkswirtschaftlich international durchsetzen. Damit ist das Interesse nach einer möglichst reibungslosen Kapitalverwertung ohne Einschränkungen impliziert. Unter den Bedingungen einer Pandemie konnte der Normalbetrieb jedoch nicht aufrechterhalten werden, weil ansonsten aufgrund einer unkontrollierten Virusverbreitung eine massive Krankheitslast in der Bevölkerung und ein Zusammenbruch der kritischen Infrastruktur drohte. Hinzu kommt, dass alle entmenschlichenden Potenziale in unserer Gesellschaft trotz des alltäglichen Leids nicht stark genug sind, um die Mehrheit der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass hunderttausende Tote hingenommen werden müssten, nicht mal zum Wohle des Wirtschaftsstandorts. Ohne die vergangenen staatlichen Maßnahmen hätte also auch ein massiver Verlust der staatlichen Autorität gedroht. Gleichzeitig wird hier deutlich, warum beispielsweise so viele Linke in der Pandemie die Chance auf eine Entwicklung zu einer solidarischeren Gesellschaft sahen und sich unbewusst immer stärker mit der staatlichen Gewalt identifizierten. Wer dagegen – oft aus erfahrbaren wirtschaftlichen Gründen – wieder eine Rückkehr zur Normalität forderte, musste sich eines ideologischen Tricks bedienen und die Gefahr durch das Virus verneinen. Als immerhin psychische Erleichterung bot sich für viele auch die Suche nach Schuldigen in Form einer weltweiten Verschwörung an.

Zwei Jahre Pandemie und ein auf reinen Zahlen beruhendes Verständnis von Gesellschaft und dem Zusammenleben der Menschen haben so im Bündnis mit der bei allen staatlichen Entscheidungen mitschwingenden Volkswirtschaftslehre eine Art Utilitarismus befeuert, die in der verbreiteten Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht gipfelt. Individuelle Rechte spielen gegenüber einer (berechneten) Summe an Vorteilen aller keine Rolle mehr. Eine solche Tendenz ist dem Staat an sich zwar schon aus Prinzip eingeschrieben, doch tritt sie meistens deutlich verschleierter in Form allgemeiner bewusstloser Identifikation auf. Mit den soliden Ergebnissen der Naturwissenschaft im Rücken fordert Christian Drosten mittlerweile auch KinderärztInnen auf, endlich mehr Druck beim Impfen von Kindern zu machen – allein aus epidemiologischen Gründen („ich kann nur an die Pädiater auch die Bitte richten, sich sehr sorgfältig mit den epidemiologischen Voraussetzungen zu befassen“). Wie stark Drosten dabei auch mit dem volkswirtschaftlichen Blick denkt, lässt sich nur mutmaßen. Für den Staat und Wirtschaftsstandort Deutschland ist dagegen die rationale Kosten-Nutzen-Abwägung klar: Mit einer Impfpflicht spart man Kosten im Gesundheitswesen, reduziert Kontrollmaßnahmen und benötigt kaum noch pandemiebedingte Einschränkungen, sodass hier Individualrechte zugunsten der Gemeinschaft zumindest vorübergehend zurückgestellt werden können. Karl Lauterbach denkt in diesem Zusammenhang sogar besonders vorausschauend, wenn er seine Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht mit möglichen späteren Mutationen begründet, über deren Auftreten und Form nur spekuliert werden kann und bei denen man nicht wissen kann, wie hoch die Wirksamkeit der bisherigen Impfstoffe sein wird. Am Ende entscheiden Gerichte anhand der Maßgabe der Verhältnismäßigkeit, ob Legislative und Exekutive tatsächlich von einer solch einschneidenden Maßnahme Gebrauch machen dürfen. Vielleicht berücksichtigen sie dabei auch die möglichen Folgen für den sog. ‚Zusammenhalt‘ in der Gesellschaft. Unter den Maßgaben einer emanzipatorischen Kritik ist letztlich jede staatliche Entscheidung eine falsche, denn die blinde Identifikation mit dem Staat als „ideellem Gesamtkapitalist“ (Marx) verhindert jegliches utopische Potenzial hin zu einer bewussten und damit auch theoretisch möglichen solidarischen Gesellschaft. Aber auch das Aufbrechen dieser Identifikation durch ein Scheitern der staatlichen Krisenbewältigungsstrategien würde allein schon durch die damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten für viele Menschen konkret erfahrbare Probleme mit sich bringen. Weil unter den gegenwärtigen Bedingungen Krisenerfahrungen viel zu oft eher reaktionäre denn emanzipatorische Potenziale freisetzen, bleibt einer Kritik, der es um konkretes menschliches Leid geht, oft nur wieder das verzweifelte Festhalten an einem Status quo, der sich aus der Distanz betrachtet selbst als permanente Katastrophe offenbart. Umso wichtiger ist es für mich, widerlegt zu werden: Meinetwegen auch durch die Naturwissenschaft, staatliche Maßnahmen, echte und vermeintliche Zufälle, aber am besten durch bewusste zwischenmenschliche Momente, durch kleine Unterbrechungen im Räderwerk der blind betriebenen Geschichte.

Aspekte des neuen Rechtsradikalismus


Der 1967 gehaltene Vortrag Theodor W. Adornos – Aspekte des neuen Rechtsradikalismus – wurde neu herausgegeben. Mathias Beschorner über den Band und Kontinuitäten zu zeitgenössischen rechten Diskursen.
Dass die Person Theodor W. Adorno, seine Biografie und Œuvre ob seines 50. Todestages vermehrt durch das Feuilleton rauschen, ist kaum verwunderlich, braucht die bürgerliche Gesellschaft doch ihre Jubiläen und ‚kritischen Intellektuellen‘, die immer dann einzugemeinden sind, wenn es wieder einmal zu brennen scheint. Im zeitgenössischen Kontext, in dem die Erfolge rechtspopulistischer Parteien offensichtlich sind, avanciert nun auch Adornos neu herausgegebene Rede Aspekte des neuen Rechtsradikalismus zum Bestseller. Adorno für Erklärungsversuche hinsichtlich solcher Phänomene und politischen Entwicklungen zu befragen, ist ja nun einmal nicht grundsätzlich verkehrt. Dass es in dieser Gesellschaft jedoch permanent an allen Ecken und Enden brennt, ja Adorno selbst schärfster Kritiker ebenjener bürgerlichen Gesellschaft war und damit eben nicht so einfach einzugemeinden ist, wird in diesem Diskurs einmal mehr unter den Teppich gekehrt. Damit wird zugleich das Existenzialurteil Kritischer Theorie, nämlich, dass man es nach wie vor mit einer falsch eingerichteten Gesellschaft zu tun hat, die Phänomene wie den Rechtspopulismus und damit das Umschlagen in Faschismus und Barbarei eben zwangsläufig mit sich bringt, mindestens verwaschen.
Zur Aktualität des Vortrages     
Entgegen diesem Potpourri naiver Würdigungen, die zumeist mit bloßen Versatzstücken der Kritischen Theorie daherkommen und eben diese auf den berühmten Satz der Minima Moralia »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« herunterbrechen, ist es Volker Weiß zweifelsfrei zu verdanken, Adornos bisher unveröffentlichte Rede Aspekte des neuen Rechtsradikalismus herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen zu haben. Liest man das schmale Bändchen und folgt Adornos Argumentationsgang, so ist es tatsächlich frappierend, dass, wie Weiß schreibt, »ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen« vorzuliegen scheint. In dem am 6. April 1967 vor Wiener Studenten des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs gehaltenen Vortrag, seziert Adorno zwar recht ephemer, aber doch messerscharf die deutsche Ideologie und den Nazismus im Kontext seines Wiedererstarkens in der Bundesrepublik der 60er Jahre, was sich zugleich in den damaligen Wahlerfolgen der NPD konkretisierte. Bereits Adornos einleitende Worte verbieten jedoch die simple Eingemeindung als ‚kritischen Intellektu-ellen‘, macht dieser doch mit Verweis auf seinen Vortrag Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit dezidiert deutlich, »daß die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus nach wie vor fortbestehen«. In der Folge rückt Adorno damit die fortwährende, vom Kapital produzierte soziale Deklassierung und Abstiegsangst derjenigen in den Fokus, die im Produktionsprozess weit unten stehen und als »potentielle Arbeitslose« ob des drohenden »Gespenst[es] der technologischen Arbeitslosigkeit nach wie vor« einiges zu befürchten haben; die im Sinne des Rechtsradikalismus jedoch nicht die kapitalistische »Apparatur« angreifen, sondern Linke, Intellektuelle sowie sexuelle und ethnische Minderheiten. Dieser Gedanke mag nun nicht sonderlich originell erscheinen und wurde bereits lange vor Adorno von Karl Marx im Zusammenhang der Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts beobachtet. Auch für das Verständnis des heutigen Rechtsradikalismus und Nazismus ist der Aspekt sozialer Deklassierung relevant. Angesichts der gegenwärtigen Austeritätspolitik dürfte dieser Aspekt an Relevanz gewonnen haben. An der Deklassierung konnte allerdings auch der in den 60er Jahren noch einflussreiche Keynesianismus kaum rütteln, wie Adorno bemerkte.
Gerade wegen der Inanspruchnahme der freudschen Psychoanalyse seitens der Vertreter der Kritischen Theorie verwehrt sich Adorno stets individualpsychologisch verstandener Interpretationen gesellschaftlicher Phänomene, was auch in diesem Vortrag unterstrichen wird – eine Methode, durch die im heutigen Kontext die simple Pathologisierung Einzelner am Beispiel rechtsextremer oder islamistischer Attentäter betrieben wird. Eine Erkenntnis über gesellschaftliche Phänomene wie das des Rechtsradikalismus kommt damit nicht ohne eine historisch-materialistische Theorie aus, in der Individuum und Gesellschaft als vermittelt betrachtet werden: Der Nährboden für den Rechtsradikalismus ist mit Adorno damit in seiner »objektive[n] Basis«, d.h. ausschließlich in der bürgerlichen Gesellschaft und der damit verbundenen Produktionsweise selbst zu verorten, was auch erklärt, warum »die Anhänger des Alt- und Neufaschismus heute [1967] quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt sind«.
Radikalisierung, Methode und Propaganda des Rechtsradikalismus
Zudem sieht Adorno in der Angst vor dem sozialen Abstieg, die sich aus rationalen und irrationalen Motiven speist, zugleich etwas »Zentrales«, das in den apokalyptischen Untergangsphantasien, die sich zu dem »Gefühl der sozialen Katastrophe« hinzugesellen, zu sich komme. Das ist der Nährboden für die Ideologie des Rechtsradikalismus, den Adorno zugleich als Ausprägung und als »Narben einer Demokratie« begreift – einer Demokratie, die ihre eigenen Versprechen um den Pursuit of Happiness nie einzulösen vermochte. Besonders drastisch kommt dies allerdings in der »verspäteten Nation« (Hellmuth Plessner) zum Tragen, wenngleich die Demokratie an sich im Ganzen bloß »formal« geblieben sei. Ob faschistische Ideologien tatsächlich mit einer »Theorielosigkeit« einhergehen und ob es im »Faschismus nie eine wirklich durchgebildete Theorie« gegeben habe, wie Adorno konstatiert, ist fraglich, wussten doch die damaligen Kader des Nazismus und Faschismus – ebenso wie die der Neuen Rechten – ihre Schmitts, Heideggers und Paretos durchaus zu würdigen. Im heutigen Kontext genügt ein flüchtiger Blick in das neurechte Magazin Sezession um Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik, um Adorno in diesem Punkt in Frage zu stellen. Fraglos scheint indes, dass, wie Adorno weiter markiert, die »Propaganda« des Rechtsradikalismus selbst »die Substanz [einer solchen] Politik ausmacht«, die Form den Inhalt überwiege und als Mittel perfektioniert werde. Auffallend aktuell erscheinen auch Adornos Bemerkungen über das Durchsetzen immer radikalerer Positionen in rechten Parteien, was er an der historischen NSDAP und zeitgenössischen NPD beobachtete. Das lässt auch die aktuelle Situation der AfD in einem helleren Licht erscheinen. Fraglos, Geschichte wiederholt sich nicht einfach und schon gar nicht wird sie von Individuen gemacht, aber eine auffallende Analogie ist allein anhand der Riege der Parteivorsitzenden der AfD allzu offenkundig, bei der, ähnlich wie Adorno dies für die damalige NPD konstatiert, der »harte oder radikale Flügel gesiegt« zu haben scheint: Bernd Lucke und Frauke Petry, denen man wohl noch rechtskonservative und neoliberale Positionen nachsagen konnte, wurden schließlich ‚abgesägt‘. Die aktuellen Parteivorsitzenden, Jörg Meuthen und Alexander Gauland, kokettieren dagegen immer offener mit dem völkischen »Flügel« um Björn Höcke und scheinen zusehends bereit, die einstmals neoliberale Agenda der AfD für eine völkische Interpretation der sozialen Frage hintanzustellen. Dass der »Flügel« um Björn Höcke so offensiv die soziale Frage aufwerfen kann und damit bei allerlei Wählerschaft punkten kann, scheint zudem dem Versagen von Linken und Liberalen geschuldet, die sich in exorbitanter Weise in Debatten um kulturelle Überbauphänomene flüchten, nicht einmal zu keynesianischen Positionen fähig sind und das Proletariat damit zusehends der politisch Rechten überlassen. Wer diese Entwicklung noch einmal ausführlicher nachvollziehen möchte, der möge einen Blick in Didier Eribons Rückkehr nach Reims werfen.
Auch die Melange sich wiederholender Versuche von Diskursverschie-bungen gen rechts, gespickt mit Lügen und Versatzstücken von Wahrheit, die auch die heutige Politik und Propaganda der AfD maßgeblich kennzeichnet, analysiert Adorno bereits am damaligen Rechtsradikalismus. Unter Bezugnahme auf die Authoritarian Personality und die empirische Kategorie des »manipulativen Typs« macht Adorno in der rechtsradikalen Propaganda eine schlagkräftige Methode aus, für die auch die zeitgenössischen Subjekte sehr anfällig zu sein scheinen. In der Propaganda vereinigen sich zudem Antiintellektualismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus, deren Sujets Adorno bereits am Beispiel der National-Zeitung und des Studenten-Anzeigers ideologiekritisch herausschält. Schon diese Zeitungen sprachen mit einer perfiden, aber stets unterschwelligen Konkretion genau jene an, die aufgrund sozialer Deklassierung empfänglich seien, jedoch durchaus wüssten, worauf und auf welche Feindbilder immer wieder angespielt werde.
Was der kritische Theoretiker Adorno gegen all dies ins Feld führt, bleibt schließlich unkonkret, endet aber doch mit einem Bekenntnis zu Wahrheit, Vernunft und Aufklärung. Einen Punkt macht Adorno allerdings durchaus konkret: mit einem blanken Appell an Humanität kann man diesem Denken nicht begegnen. Dagegen gelte es, die tatsächlichen und »potentiellen Anhänger des Rechtsradikalismus« konsequent »vor dessen eigenen Konsequenzen« zu warnen und aufzuklären, dass der Bezug auf eine vermeintlich »wahre Demokratie« rechter Demagogie entspringe und schlussendlich gegen ihre eigenen materiellen Interessen gerichtet sei. Inwieweit eine solche Aufklärung gelingen kann, bleibt fraglich; schon Marx wies in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte – einem Text, der als frühe Faschismusanalyse betrachtet werden kann – auf das ‚merkwürdige‘ Verhalten kleinbürgerlicher und proletarischer Schichten hin, die gegen ihr eigenes Interesse handeln und diejenigen Repräsentanten wählen, von denen sie sich Vorteile erhoffen. So kann auch im Zeitalter nach den großen Nationalstaaten der Nationalismus die soziale Frage stets verdrängen, denn, wie Adorno auch ausführt, sind es gerade Ideologien in ihrem Untergang, die nochmal sehr wirkmächtig werden können.
Angesichts der aktuellen Entwicklungen um AfD und Rechtspopulismus ist Adornos Rede tatsächlich von hohem aktuellem Wert. Denn auch Volker Weiß fasst im Nachwort bündig, dass »[z]u einer Historisierung Kritischer Theorie« »kein Anlass« bestehe, da »[g]egenwärtig« »die Berührungsängste der Mitte mit dem rechten Rand« »schwinden«. Adornos Text und Denken kommen im Vortrag jedenfalls aktuell und recht präzise daher. Freilich sind Adornos Gedanken nicht 1:1 auf den zeitgenössischen Kontext zu übertragen. Im Ganzen verweist der Vortrag jedoch ideologiekritisch auf Kontinuitäten zu zeitgenössischen rechten Diskursen und hilft vor allem, deren Sujets zu entschlüsseln. Zugleich ist der Band nicht nur allen jenen ans Herz zu legen, die Ideologie und Erstarken rechtspopulistischer Parteien zu begreifen versuchen, sondern auch als nüchterner Einstieg in die Kritische Theorie zu empfehlen.

Von Mathias Beschorner

Der Text ist zuerst in der Versorgerin #124 (Dezember/2019) erschienen.
Adorno, Theodor W. (2019): Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag (1967). Mit einem Nachwort von Volker Weiß. Suhrkamp, Berlin, 89 Seiten, 10 Euro.

Roboterkommunismus – nur eine Utopie?


Mathias Beschorner über Aaron Bastani: Fully Automated Luxury Communism.
»The fact is, that civilisation requires slaves. The Greeks were quite right there. Unless there are slaves to do the ugly, horrible, uninteresting work, culture and contemplation become almost impossible. Human slavery is wrong, insecure, and demoralising. On mechanical slavery, on the slavery of the machine, the future of the world depends. […] Is this Utopian? A map of the world that does not include Utopia is not worth even glancing at, for it leaves out the one country at which Humanity is always landing. And when Humanity lands there, it looks out, and, seeing a better country, sets sail. Progress is the realisation of Utopias.«
Oscar Wilde: The Soul of Man under Socialism, 1891
Aaron Bastani ist Politikwissenschaftler und Mitbegründer von Novara Media. Bastani stellt eine starke Stimme innerhalb der britischen Linken dar und tritt oft als politischer Kommentator im Fernsehen auf. Einige seiner Ansichten zum Antisemitismusproblem innerhalb der Labour-Partei sowie dem Staat Israel sind äußerst fragwürdig und zu kritisieren. In Fully Automated Luxury Communism erörtert Bastani jedoch Ansätze einer postkapitalistischen Gesellschaft, in der die Güterproduktion zum überwiegenden Teil von künstlicher Intelligenz, Automatisierung und von Robotern organisiert würde.
»Communism is luxurious – or it isn’t communism«
Mit Hegel und Marx lässt sich konstatieren, dass das »Reich der Freiheit« erst da beginnt, wo das »Reich der Notwendigkeit« drastisch eingeschränkt ist. Wie Andreas Arndt in Geschichte und Freiheitsbewusstsein weiter argumentiert, ist die Entwicklung des Freiheitsbewusstseins der Notwendigkeit jedoch nicht äußerlich – das wäre idealistischer Unfug –, sondern steht vermittelt daneben, was freilich nach einem entsprechenden »politischen Rahmen« »verlangt«.[i] Die Linke hat das mit der Freiheit, der Notwendigkeit und dem »politischen Rahmen« nie richtig verstanden: im Realsozialismus wurden Arbeit, Elend und Klasse vergöttert und die Marx‘sche Losung »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« kollektivistisch pervertiert. Zwar haben Neue Marx-Lektüre und Postmarxismus derartigem Denken zarte Risse versetzt; vollends emanzipiert hat sich die Linke davon jedoch nicht. Stephan Grigat hat das auch in der Versorgerin ausgeführt[ii] und entsprechend auf dissidente Stimmen verwiesen. Erfreulicherweise bezieht sich Bastani mitunter auch auf Oscar Wilde. Communism benutzt Bastani zudem in Abgrenzung zum Realsozialismus; er stellt sich dagegen in die Tradition Marx‘ selbst, der damit eine Welt vor Augen hatte, »in which work is eliminated, scarcity replaced by abundance«.
Ein Ende vom Ende der Geschichte?
Auch nach dem von Francis Fukuyama postulierten Ende der Geschichte fällt der Linken dagegen kaum etwas ein, was sinnig über das Bestehende hinausweisen könnte: Postwachstumstheorien fallen z.B. deutlich hinter kapitalistische Vergesellschaftung zurück und bedienen das Bedürfnis nach naivem Idealismus, Verzichtsethik sowie Autoritarismus.[iii] Liefert Bastani einen diskussionswürdigen Entwurf, der das Freiheitsbewusstsein im Sinne eines Hegelmarxismus weiterentwickeln könnte?
Bastani widmet sich zunächst kritisch den Thesen Fukuyamas und moniert zurecht deren Deutungshoheit. Fukuyama postulierte nicht das Ende der Zeit, sondern den Siegeszug der westlich und kapitalistisch verfassten Demokratie, die die finale Vergesellschaftungsform der Menschheit darstelle, ein postideologisches Ende eingeleitet hätte und in welcher keinerlei fundamentalen neuen politischen Ideen mehr aufkämen. Jedoch, so Bastani, zeugten Klimawandel und die soziale Frage von der Naivität dieser Thesen, obwohl sie als »sacrosanct« und »common sense« betrachtet würden. Bastani hebt fünf fundamentale Krisenproblematiken globalen Ausmaßes hervor: Klimawandel und globale Erwärmung, Ressourcenknappheit, alternde und rasant steigende Bevölkerung, durch technische Innovation verursachte Arbeitslosigkeit und Armut. Diese fünf Krisen untergraben laut Bastani die Fähigkeit des Kapitals ‚sich selbst zu heilen‘. Dennoch sei es im Sinne Fukuyamas »easier to imagine the end of the world than the end of capitalism«. Doch was hat Bastani dieser Deutungshoheit entgegenzusetzen?
FALC – »A world beyond jobs, profit and even scarcity«
Bastani zeigt sich als ausgesprochener Kenner der politischen Ökonomien von Smith, Ricardo, Malthus und Keynes; darüber hinaus liefert er im Sinne des Untertitels des Kapitals eine überzeugende Kritik der politischen Ökonomie. Zudem bietet Bastani einen außerordentlich umfangreichen Überblick über technologische Innovationen und Wandlungsprozesse innerhalb der Moderne sowie der vergangenen Dekaden. Vor allem das 2. Kapitel überzeugt hierbei mit einer Fülle an Beispielen, die vom Energiesektor über das Gesundheitswesen bis hin zu den Potenzialen der Raumfahrt aufzeigen, dass eine postkapitalistisch strukturierte Gesellschaft mit Güterüberfluss möglich sei.
Hervorzuheben ist hierbei, dass Bastani keiner idealistischen Träumerei anhängt, sondern mit einer minutiösen Beobachtung von gesellschaftlichen Strukturen und technischen Entwicklungen arbeitet. Schon Marx sperrte sich dagegen, konkret auszumalen, wie eine befreite Gesellschaft aussehen könnte. Bastani liefert also keine absurde Science-Fiction, sondern empirisch fundierte Beobachtungen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren. In Abgrenzung zur Malthusianischen Bevölkerungsfalle[iv] und zu Keynes, führt er zudem ein Szenario an, in dem Güterknappheit besiegt sei. Mit Marx und gegen den Keynesianismus argumentiert er überzeugend, dass das kapitalistische System »politically contested« sei.
Das Buch bietet auf 288 Seiten einen roten Faden, der immer wieder um die auch in der Sozialwissenschaft breit diskutierte These des jobless growth kreist. D.h., dass durch technische Rationalisierungen und Automatisierungsprozesse zusehends weniger menschliche Arbeitskraft im Produktionsprozess benötigt werde. Schon heute wird immer mehr physische und kognitive Arbeit von Robotern und Maschinen verrichtet. Tendenz steigend. Die Informationstechnologie wird damit zum Produktionsfaktor Nummer 1 und Roboter, Drohnen und Maschinen könnten in absehbarer Zeit die Ware menschliche Arbeitskraft vollends ersetzen. Dahingehend verweist Bastani darauf, dass Marx entgegen ‚falscher‘ Lesarten ausdrücklich die vom Kapitalverhältnis entfesselten Produktivkräfte in den höchsten Tönen lobte und verdeutlicht dies anhand eines Bezugs auf das »Maschinenfragment« aus den Grundrissen, das entgegen der exorbitanten Bedeutung des Manifests der Kommunistischen Partei kaum wahrgenommen werde. Schon in den Grundrissen verweist Marx jedoch auf die steigende Bedeutung von Informationen im Produktionsprozess.
Jedoch dienen Informationstechnologie und Automatisierung von Produktion in einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft nicht menschlichen Bedürfnissen, sondern zum überwiegenden Teil der »Verwertung des Werts«. In Kombination mit einem Arbeitsfetischismus, den man quer durch alle politischen Lager antrifft, entstehen heute immer mehr sogenannte »Bullshit-Jobs« (David Graeber). Folgt man Marx, so kann die Entwicklung der Produktivkräfte jedoch Produktionsverhältnisse revolutionär sprengen, woraus neue Formen von Vergesellschaftung resultieren können. Die Weiterentwicklung der Produktivkräfte bildete damit schon bei Marx die grundlegende Voraussetzung zur Einschränkung des »Reichs der Notwendigkeit« und damit die Bedingung zur Emanzipation von menschlicher Arbeit. Dahingehend stellt Bastani das rationelle Ausnützen der Produktivkräfte unter einer damit einhergehenden Veränderung der Produktionsverhältnisse, einen Zugewinn an freier Zeit, Selbstbestimmung, Individualismus sowie Luxus für breite Bevölkerungsschichten in Aussicht. Bastanis Analyse des Status quo sowie die sich durch technische Innovationen ergebenden Möglichkeiten für eine potenziell postkapitalistische Gesellschaft machen den Hauptteil des Buches aus und lesen sich recht überzeugend.
»Luxury Populism«
Im abschließenden dritten Teil erläutert Bastani politische Strategien und entwirft in Abgrenzung zu einem rechten Populismus das Modell eines »Luxury Populism«. Damit richtet sich Bastani zugleich gegen Postwachstumstheorien und pocht stattdessen auf die materiellen Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten. Eine politische Strategie jedoch, die nicht »red and green« sei, und damit nicht Individualismus einfordere sowie die Bedrohungen durch den Klimawandel reflektiere, sei zum Scheitern verurteilt; zudem hätte sie sich im Gegensatz zur traditionellen Arbeiterbewegung gegen die Arbeit an sich zu richten. Hierzu bedürfte es mitunter der Forderung umfassender Veränderungen im Transportwesen und öffentlicher Güterversorgung, womit Bastani auch ein bedingungsloses Grundeinkommen anführt.
Wie bei allen technologischen Revolutionen in der Geschichte – Bastani streicht die neolithische, den Buchdruck und die industrielle Revolution heraus -, werden auch bei dieser die Veränderungen Jahrzehnte brauchen. Aber, so Bastani abschließend, es gehe nicht um die Zukunft, sondern um »a present which is already here«. In wieweit Bastanis politische Perspektiven und Strategien überzeugen, sei der Leserin überlassen.
Kritisch hervorzuheben sind mindestens jedoch zwei Punkte: 1. Bastanis Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus gerät bisweilen in ein simples Elitenbashing und vergisst, dass auch die herrschenden Klassen im Sinne Marx ‚lediglich‘ als »Charaktermasken« fungieren und damit nur bedingt intentionales Handeln vorliegt. 2. Bei allem Fortschrittsoptimismus hinsichtlich technischer Innovationen – Bastani verfällt hin und wieder recht deutlich in versteckte und offene teleologische Erwägungen – bleibt mit der kritischen Theorie zu reflektieren, dass technische Errungenschaften nicht zwangsläufig zu einem besseren gesellschaftlichen Zustand, sondern auch zu neuen Herrschaftsformen führen können.
Darüber hinaus gelte es auch mit feministischen Ansätzen soziale Beziehungen, Care-Arbeit und das Verhältnis Mensch/Natur stärker zu hinterfragen, denn das bleibt Bastani deutlich schuldig. Ein vernunftgeleitetes Eingedenken von Erster und Zweiter Natur im Sinne der kritischen Theorie müsste dagegen die Grundlage bilden. Dass Bastani dies nicht reflektiert, ist offenkundig, und dennoch bleibt abschließend zu sagen, dass das Buch einige Ansätze bietet, die der Utopie eines Müßiggangs im Sinne Theodor W. Adornos zuträglich sein könnten: »auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, ‚sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung‘ könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.«[v]

von Mathias Beschorner

Diese Buchbesprechung ist zuerst in der Versorgerin #123 (September/2019) erschienen.
Das Buch ist am 11. Juni bei Versobooks erschienen.
Bastani, Aaron (2019): Fully Automated Luxury Communism. Versobooks. New York und London, 288 Seiten, 20,99 Euro.
[i] Arndt, Andreas: Geschichte und Freiheitsbewusstsein. Zur Dialektik der Freiheit bei Hegel und Marx, Berlin 2015, S. 100ff.
[ii] Grigat, Stephan: Die Arbeit nieder! In: Versorgerin Nr. 117.
[iii] Siehe hierzu auch die vierte Ausgabe des Distanz-Magazins unter: http://distanz-magazin.de/magazin/4-postwachstumskritik/.
[iv] Die von Thomas Malthus entwickelte Theorie der Bevölkerungsfalle hat große Bedeutung für Postwachstumstheorien und wird dort affirmativ verwendet. Hat diese Theorie für vorkapitalistische Gesellschaften noch gewisse Berechtigung, blamiert sie sich vor der Realität und den Möglichkeiten moderner Produktivkräfte.
[v] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Sur l‘eau. Digitale Bibliothek Band 97: Gesammelte Schriften, S. 1953-1955 (vgl. GS 4, S. 179).

Eine sexistische Aktion feministisch lesen? Eine Kritik an Heide Oestreichs Kolumne ›Sechs Brüste für Teddy. Das „Busenattentat“ auf Adorno.


Da ist es wieder: Alle paar Jahre kann jemand im deutschen Feuilleton nicht an sich halten und muss nach eingehender Bettenschau seinen Unmut darüber kundtun, dass der dicke Professorenonkel aus Frankfurt mit den großen Brillengläsern und den schwierigen Texten beim Geschlechtsverkehr nicht das Licht ausmachte und Verhältnisse mit jüngeren Frauen hatte. Aber nicht nur das, Heide Oestreich behauptet in ihrer Kolumne im Deutschlandfunk vom 31.07.2019 zur 50. Jährung des berüchtigten Busen-Attentats allen Ernstes, eben jene Attacke auf Theodor W. Adorno sei ein »emanzipatorischer Akt« gewesen. Oestreich versammelt in ihrem Text allerhand Mythen, Halbwahrheiten, Kommentarspaltengeraune und Lügen über Adorno, die man so schon oft lesen musste. Man kennt es. In der Kritik an Adorno geht es im deutschen Feuilleton nur selten um sein Werk, umso häufiger aber stehen sein Sexualverhalten und seine Beziehungen zu Frauen im Fokus. Auch bei Oestreich findet man hinter der verkniffenen Zurschaustellung ihrer Ansicht, dass Adornos kritische Theorie obsolet sei, keine stichhaltigen Argumente. Mal wieder muss der Blick in Adornos Schlafzimmer herhalten, um ihn in süffisanter Weise (»Rest in Peace, Teddy«) zu erledigen. Insofern nicht anders angegeben, stammen alle folgenden Zitate aus dem Text von Oestreich.
Da ist zuerst der schlechte Versuch, Gretel Adornos Anteil an Adornos Werk herabzusetzen und gegen ihn zu wenden. Hierbei zeigt sich, dass sich Oestreich nicht die Mühe gemacht hat, den Sachverhalt zu ergründen. Statt die Zeugnisse der tiefen Verbundenheit, der nicht-monogamen Ehe und all der biographischen Schwierigkeiten und Widersprüche zur Kenntnis zu nehmen, liefert Oestreich eine flache Interpretation. Dass Gretel Adorno über die Affären ihres Mannes Bescheid wusste, ja es offenbar darüber Absprachen gab und auch Gretel Adorno ihre Affären hatte, das lässt Oestreich nicht gelten. Die Ehe der Adornos widersprach dem zur damaligen Zeit gängigen patriarchalen Klischee, das Oestreich hier ungeprüft als Maßstab anlegt. Gretel Adorno war eben nicht einfach die »ausgebeutete Gattin«, die zu Hause saß, dem Mann zum Abendbrot Tafelspitz servierte und seine Texte redigierte. Die Feministin und Kritische Theoretikerin Regina Becker-Schmidt berichtet ein ganz anderes Bild: »Ich war mit ihm und Gretel Adorno befreundet. Für mich war die Beziehung zwischen den beiden genau durch diese Spannung gekennzeichnet: Treue trotz allem, Zuverlässigkeit, eine fast symbiotische wechselseitige Bezogenheit auf der einen Seite und die Fähigkeit, sich die Freiheit zu lassen, auf der anderen. Beide sind für mich eigentlich die Vorbilder für die Gestaltung meiner eigenen persönlichen Beziehungen geblieben. Stellen aus der ›Minima Moralia‹ wie ›Moral und Zeitordnung‹ oder über die Ehe aus der ›Dialektik der Aufklärung‹ sind nicht einfach nur graue Theorie, sondern auch ein Stück gelebter Wirklichkeit« (Becker-Schmidt, in: Früchtl/Calloni, Erinnern an Adorno, 1991, S. 210f.).
Die Moral, die vom Kritiker bereits jenes Bessere verlangt, dass dieser mit seiner Kritik erst intendiert, ist ein schlechte. Adorno war ganz sicher nicht frei vom patriarchalen Denken und auch er verkörperte den rationalen männlichen Charakter, welchen er und Horkheimer in der ›Dialektik der Aufklärung‹ kritisieren. Adorno entsprach aber ganz sicher nicht dem Bild des sexistischen, seine Ehefrau unterdrückenden Patriarchen, zu dem ihn Oestreich in ihrem Text zurechtlügt.
Heide Oestreich weiß aber noch mehr zu berichten. Adorno, dieser schmutzige alte Professor, stand auf junge Dinger bzw. auf die »Dinger« jener jungen Frauen. Adorno sei »Spezialist für diese delikaten Körperteile« gewesen […]«, der »[d]ie Dialektik der Dinger studierte […], indem er seinen gelehrten Blick ausgiebig auf denselben ruhen ließ, heißt es von Zeitzeugen«. Mit ziemlicher Sicherheit bezieht sich Oestreich in Sachen Zeitzeugen hier auf einen kurzen Interviewausschnitt mit Rüdiger Safranski im zweiten Teil der Fernsehdokumentation ›Wer denkt ist nicht wütend‹. Safranski beschreibt in diesem Ausschnitt, wie Adorno in einer Vorlesung aus dem Stehgreif umfassende Gedankenketten entfaltete, zugleich doch dem Auditorium zugewandt gewesen sei und eine zu spät kommende, platzsuchende Studentin während der in sich gekehrten Rede mit den Blicken fixierte und kurzeitig verfolgte. Von Busen, die Adorno hier angeblich ausgiebig studierte, ist nicht die Rede. Dass Adorno mit dem Erscheinen der Studentin »immer noch ein Auge für solch ein erotisches Vorkommnis hatte« (Safranski), ist erst mal allein Safranskis Interpretation (und wohl auch Projektion). Oestreich macht daraus ein sabberndes Gieren Adornos nach den Brüsten junger Studentinnen. Wenn man nicht mehr hat, um das eigene Ressentiment zu stützen, müssen eben Interviewschnipsel aus einer schlechten Dokumentation herhalten.
Nun soll sich Adorno nicht nur an den Brüsten von Studentinnen vergangen haben, sondern Oestreich weiß auch: »Und der Fetischisierung des weiblichen Körpers kommt man natürlich am besten im Bordell auf die Spur. Adorno hat hier zahlreiche Selbstversuche gemacht. Und nun dies: Sein Studienobjekt macht sich selbstständig. Der Busen wird quasi Subjekt und treibt Schabernack mit ihm!«
Der Adorno war also im Puff? Dass das belegt sein soll, weiß man spätestens seit dem nicht weniger erbärmlichen Spiegel-Artikel über Adornos Privatleben von Johannes Saltzwedel (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-28325126.html). Was da wie belegt ist und warum man das belegen müsste, lässt auch er offen. Aber Saltzwedel entblödet sich nicht, auch noch die private Notiz Adornos über die »Masochistin Carol« aufzutischen. Der verheiratete Adorno und die »unbekannte Dame« (Saltzwedel) vergnügten sich mit BDSM-Spielchen in einem Hotelzimmer. Bei solch »weniger edlen Eskapaden« müsse man ja vom großen Intellektuellen, der sich »virtuos als Vordenker und Gewissen der Nation [inszenierte]« (Saltzwedel), Abstand nehmen. Adorno hat sich nie als solches inszeniert. Dieser Blödsinn erwächst nur regelmäßig den unverständigen Hohlköpfen des deutschen Feuilletons, die einen vehementen Kritiker deutscher Ideologie als deutsches Kulturgut verbuchen wollen. Mehr noch, einem Denken und Auftreten wie dem Adornos, Inszenierung und Affektiertheit vorzuwerfen, ist lediglich antiintellektuelles Ressentiment und nichts weiter.
Man fragt sich bei all diesen Verklemmungen von Oestreich und Saltzwedel, was das mit Adornos kritischer Theorie zu tun haben soll? Auch hier ist nur jene verklemmte Moral am Werk, die mehr über den aussagt, der sie gegen das Privatleben des Kritikers wendet. Und Sätze von Oestreich wie die zuletzt zitierten sollen doch nur suggerieren, Adorno, der alte schmutzige Mann, hat sich an jungen Frauen vergangen und nun schlagen diese in der Busen-Aktion zurück. Daher kommt auch die fragwürdige Verknüpfung des Busen-Attentats mit der Metoo-Kampagne in der Einleitung des Textes.
Oestreich vermittelt über die Hintergründe des Busen-Attentats ein Bild, als seien die Studierenden geschlossen gegen Adorno angetreten, dabei handelte es sich um eine radikale Minderheit – eine Gruppe, deren Wort- und Anführer mit wenigen Ausnahmen tatsächlich nur linke Macker und deren Verhalten gegenüber Genossinnen äußerst fragwürdig waren. Wie verschiedene Anwesende berichteten, brachte ein Großteil des Auditoriums bereits zu Beginn der Störung der Vorlesung am 22. April 1969 seinen Unmut gegen die Unterbrechung hervor und zeigte sich nach den körperlichen Zudringlichkeiten der entblößten Studentinnen schockiert (vgl. Müller-Doohm, Adorno. Eine Biographie, 2003, S. 722ff., S. 915f.)
Oestreich müht sich in ihrem Text nun ab, zwischen der Aktion von 1969 und dem Privatleben Adornos eine Verbindung herzustellen. Was sie uns anbietet ist inhaltlich kläglich und absurd. Schließlich ist bekannt, dass sich diese Aktion nicht gegen Adornos Verhalten gegenüber Frauen richtete. Vielmehr empfanden die Jedi-Ritter der Revolution Adornos Beharren auf das kritische Denken und einer daran geknüpften Praxis der unreglementierten Erfahrung als Verrat. Auf ihrer Flucht vor den gesellschaftlichen Widersprüchen in die wirkungslose Praxis und in den elitären Aktionismus wirkte Adornos Beharrlichkeit auf sie wie ein rotes Tuch. Dass die einige Monate zuvor erfolgte Räumung des besetzten Instituts für Sozialforschung durch die von Ludwig von Friedeburg und Walter Rüegg gerufene Polizei sofort der alleinigen Verantwortlichkeit Adornos zugeschrieben wurde, tat ihr Übriges dazu.
Adorno in Hinblick auf das autoritäre und zudringliche Verhalten der Studentinnen und Studenten zum Sexisten abzustempeln bzw. aus der Aktion »[f]eministisch betrachtet […] eine Urszene der sich selbst ermächtigenden Frau« zu machen, ist einfach nur grotesk. Ganz treffend hebt Becker-Schmidt in einem Interview hervor (auch in der besagten Dokumentation zu sehen): »Man kann Adorno auch in seinem Verhältnis zu Frauen eine ganze Menge vorwerfen, aber eins kann man überhaupt nicht ihm vorwerfen, dass er irgendwann mal sexistisch gewesen sei – und das [das Busen-Attentat] war sexistisch!«
Und zu Recht merkte Adorno in einem Spiegel-Interview an:
»Gerade bei mir, der sich stets gegen jede Art erotischer Repression und gegen Sexualtabus gewandt hat! Mich zu verhöhnen und drei als Hippies zurechtgemachte Mädchen auf mich loszuhetzen! Ich fand das widerlich. Der Heiterkeitseffekt, den man damit erzielt, war ja doch im Grunde die Reaktion des Spießbürgers, der Hihi! kichert, wenn er ein Mädchen mit nackten Brüsten sieht. Natürlich war dieser Schwachsinn kalkuliert. (Adorno, GS 20.1, 2003, S. 407).« Auch gegen das im Feuilleton beliebte und auch von Oestreich bediente Stereotyp, die Theorie Adornos hätte sich mit den aufbegehrenden Studierenden nun gegen ihn gewandt, nahm er bereits selbst Stellung: »Ein wirklich faßlicher Zusammenhang zwischen dem gegenwärtigen Aktionismus, den ich für höchst problematisch halte, und unseren Gedanken ist mir noch von keinem Menschen aufgezeigt worden. Irrationale Aktionen, von der Theorie abgelöst, die man verlästert, sind nie in unserem Sinn gewesen. Kritische Theorie schließt notwendig eben jene Analyse der Situation ein, die sich der Aktionismus erspart, um nicht der eigenen Hinfälligkeit innewerden zu müssen. Im Übrigen ist die These, wir hätten Ideen entwickelt, die sich gegen uns gewandt hätten, als sie in die Tat umgesetzt wurden, besonders beliebt bei denen, und wahrscheinlich von ihnen erfunden, welche die Freiheit des kritischen Gedankens mit der Geste des »Seht ihr’s« lähmen wollen. Ich habe so wenig Neigung, diesem Gestus mich zu beugen wie den Solidaritätszwängen der Aktionisten (Adorno, GS 20.1, 2003, S. 398f., Herv. i. O).«
Adorno war einfach nicht bereit, als Stichwortgeber für den autoritären Unsinn, den die Studierenden da veranstalteten, zu fungieren. Jene Beharrlichkeit des dialektischen Denkens scheint auch 50 Jahre später Heide Oestreich in Wut zu versetzen.
Dass es bei Oestreich mit der Auseinandersetzung mit Adornos Kritik nicht weit her ist, bezeugt auch folgende Passage: »Seine Theorie von der Totalität der kapitalistischen Vergesellschaftung beinhaltete auch, dass wir in diesem System zur Freiheit leider nicht fähig sind. Sein berühmtester Satz „Es gibt kein wahres Leben im falschen“ war von einer Erkenntnis mittlerweile zu einem Hindernis geworden. Jedenfalls für die jungen Leute, die sich mit derlei Fatalismus nicht abfinden wollten.«
Dass man aus Adornos Werk immer und immer wieder nur diesen Satz völlig entkontextualisiert und im Falle von Oestreich sogar falsch wiedergibt und diesen als Fatalismus interpretiert, sagt eigentlich nur etwas über ein feuilletonistisches Milieu aus, für das Adornos Begriff der Halbbildung ganz treffend ist. Warum verfasst jemand eine dreist verurteilende Kolumne über einen Denker und sein Werk, wo man offenkundig von der Materie nicht viel Ahnung hat? Dem Juden, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Frankfurt mit gepackten Koffern wohnte, sogar Attentismus vorzuwerfen, wo Leute links wie rechts (zum Beispiel das Attentat auf Dutschke) wieder mit autoritären Mitteln zur politischen Tat schritten, kann man nur als ungehörig und dreist bezeichnen. Hier urteilt Oestreich über ein Werk und Leben, das sie offenkundig nicht mal im Ansatz durchdrungen hat. Andernfalls würde man vor dem Hintergrund eines Textes wie ›Marginalien zu Theorie und Praxis‹ und mit den Einsichten in Adornos Privatleben durch veröffentlichte Briefwechsel und Anderes nicht einfach behaupten, er hätte sich »gemütlich eingerichtet im falschen Leben«.
Helmuth Plessner hat nach dem Tod Adornos zu der Peinlichkeit der unpolitischen Aktion des Busen-Attentats im Grunde bereits alles gesagt:
»Seit Marx und den Umwälzungen in seinem Zeichen sind wir um viele Erfahrungen ärmer geworden. Darum sich in den Wartestand einer sogenannten bloßen Theorie flüchten wäre schlimmer, weil Verrat am Gedanken. Kritische Theorie ist ein Stück Praxis. Deshalb haben ihn die albernen Vorwürfe der Aktivisten, die es hätten besser wissen können, denn sie haben bei ihm gelernt, mit Recht verletzt. Und Mädchen mit oben nicht ganz ohne sind selbst im ganz entkleideten Zustand kein Argument (Plessner, Totale Reflexion. Zum Tode Adornos, in: ders.: Politik, Anthropologie, Philosophie. Aufsätze und Vorträge, 2001, S. 336).

von M. Schönwetter