Bastian Bredtmann
Noch blöder als der Neoliberalismus: Die große Erzählung von rechts ist paranoider Religionsersatz, gewalttätige Erlösungsfantasie und neoliberal-konforme Revolte zugleich – wie Georg Seeßlen und Markus Metz im Nachfolger der »Blödmaschinen« zeigen.
Sollte dieses Jahrhundert nicht, so lautete doch die Erzählung zu Beginn, im Zeichen einer offenen Gesellschaft stehen? Immer toleranter, demokratischer, liberaler, ökologischer, gerechter, oder? Von wegen: Unverkennbar ist überall im Westen das Gegenteil auf dem Vormarsch. Und die passenden Adjektive – antidemokratisch, antiliberal, antihuman, antikosmopolitisch, kurz: rechts – haben weitaus weniger Wohlklang. Kaum übertreibt, wer dieses Jahrhundert schon unter der Fahne einer neuen Barbarei sieht.
Mehr und mehr jedenfalls wird deutlich, dass das, was unterm Schlagwort »Rechtspopulismus« beschrieben, analysiert und gar nicht so selten auch vernebelt wird, bloß ein Zwischenstopp war. Trump zum Ersten: ein Rechtspopulist, den es so oder so ähnlich dutzendfach auch in Europa gibt. Die Fortsetzung: schon die Personifikation all dessen, was nicht länger Gesellschaft, sondern »Volk« sein will.
Von Bekämpfung kann dabei nun wirklich keine Rede sein. Aber auch die Ablehnung ist – man denke nur an den Umgang mit der AfD – mindestens halbherzig, oft floskelhaft, eher pflichtschuldig. Hier ein bisschen »Brandmauer«, wie die strapazierte Metapher lautet, und dort geht es schon wieder darum, die eigentümlich besorgten Bürgerinnen und die jammernden Wutbürger zu verhätscheln. Die Demokratie schleppt ihren rechten Populismus mit wie ihre verdrängte Vergangenheit, mit der dieser sich verbindet. Und schuld am Aufstieg sind regelmäßig sowieso immer andere – in bemerkenswerter Übereinstimmung mit den rechten Feindbildern: die Linken, die politisch Korrekten, die Grünen, die … –, nur nie diejenigen, die sich für rechts außen entscheiden.
Weder Politik noch Ökonomie, weder Kultur noch Wissenschaft haben den halb- bis vollfaschistischen Hampelmännern ernsthaft etwas entgegenzubringen. Wie kommt’s? Und was muss passiert sein, dass man einem Höcke zujubelt oder einen Trump, am liebsten für immer, im Weißen Haus sehen will? Eine mögliche Antwort jenseits des üblichen Betriebsgeklappers und gängigen Wegnormalisierens formulieren Georg Seeßlen und Markus Metz in ihrem Buch »Blödmaschinen II«: weil die Gesellschaft, die sich, kurios genug, immer noch eine liberale nennt, ihren ordentlichen Anteil daran hat.
»Wer von der neu erstarkten Rechten spricht«, schreiben sie, »darf vom Neoliberalismus nicht schweigen.« Metz und Seeßlen diskutieren den heutigen »Neoliberalismus« als eine unheilvolle Mischung aus Zwang, Gier und Angst, aus der nicht so leicht zu entkommen sei. Sie sprechen von der Wandlung zum Finanz- und Tech-Kapitalismus und, analog dazu, von der »Transformation des Homo oeconomicus in das neoliberale Subjekt«. Von einem kaum bemerkten Systemwechsel gar, der, krisenbedingt und aus reiner Selbsterhaltung, die alte Fortschrittserzählung abwerfen musste.
Dieser Neoliberalismus, der nicht bloß die »Ursprungspakte von Demokratie, Sozialstaat und Wirtschaft« zermalmte, sondern tief in die Köpfe und Herzen der Menschen einsickerte, erzeugt keine Zufriedenheit, gewiss. Er ruft aber auch nicht die Kritik auf den Plan – dazu ist das neoliberale Subjekt schon gar nicht mehr fähig –, sondern, der Begriff ist von Sigmund Freud geborgt: das Unbehagen. Unbehagen deshalb, so Metz und Seeßlen, weil der neoliberale Kapitalismus zwar seinen Vorgänger abschüttelte, dessen kulturelle Hülle aber noch mitschleppt. Das überkommene Regelwerk geistert noch überall herum, aber es gilt nicht mehr; Kapitalismus und Demokratie halten sich nicht mehr aus.
Demnach erzeugt der Neoliberalismus Verhaltensweisen, die er zugleich sanktionieren muss. Da ist kein Selbst mehr, das zwanghaft zu verwirklichen ist, da ist das Ego als Instanz des Fortschritts. Während sämtliche Parteien, Verbände und Medien ganz eifrig mitwirkten am neoliberalen Umbau und jetzt nicht mehr weiterwissen, sind die Rechten die Einzigen, die sich offen zum Wesen dieser Transformation bekennen. Freilich wettern sie dabei umso heftiger kulturkämpferisch gegen die Liberalisierungen an der Oberfläche. Und treten damit den Beweis an, dass der neue Liberalismus, wie Metz und Seeßlen schreiben, vielleicht doch »eine ganz andere Art von Regierung und eine andere Art von Regierten« erfordert. Die »Blödmaschine der Faschisierung«, die neurechte Welterzählung, hat jedenfalls beides parat.
Das Hintergrundrauschen dieser Verbindung von Neoliberalismus und Neuer Rechter bewegt sich – so Metz und Seeßlen – irgendwo zwischen dem Raunen, der klammheimlichen Freude und dem idiotischen Zorn. Irgendwo zwischen der überhöhten »Meinung« und der breitbeinig-wütenden Empörung derer, die sich nichts mehr sagen lassen wollen. Dem Abfeiern von Turnschuhkapitalisten-Gurus und dem Traum von der »Disruption«. Der Rede vom »Sozialgedöns« und der »Leistung«, die sich wieder lohnen müsse. Der Nostalgie, den rassistischen Bestsellern und den Grenzen, die dicht sein müssen.
Der alte Westen versprach: Fortschritt für alle. Der Neoliberalismus, der dieses Märchen beendete, macht’s realitätsgerechter: Fortschritt für wenige. Und die rechte Erzählung? Die sich anschickt, eine große zu werden und das Erbe der alten Fortschrittserzählung anzutreten? Die verspricht laut Metz/Seeßlen »eine mythische Heilung des politisch-ökonomischen Konflikts«. Heißt: Für Gesellschaftliches interessiert man sich dort nur, wenn es sich ins auf völkisch getrimmte Freund-Feind-Schema einspannen lässt. »L’amour toujours« kann man auf dem Schützenfest genauso umdichten wie im Nobelrestaurant: »Als Volk ist vereint, was als Klasse getrennt ist.« Die rechte Erzählung, so Metz und Seeßlen weiter, »›erklärt‹, legitimiert und belohnt soziophobes und soziopathisches Verhalten und Denken, und sie verspricht einen Ausweg, eine Lösung, eine Alternative«.
Metz und Seeßlen richten den Scheinwerfer auf den rechten Mythos. Sie durchleuchten und dokumentieren, einem Kompendium gleich, die dunklen Kellerräume und den Unterbau dieser paranoiden Ersatzreligion. Diskutieren deren psychosoziale Beschaffenheit ebenso wie deren Erlösungscharakter. Überall lauern hier Bedrohungen und Gefahren und die Angst vor der eigenen Auslöschung. Alles gilt als unrein, verflüssigt und durchmischt. Die Gegenwart: vergiftet. Die Vergangenheit: märchenhaft. Man will zurück und sich »zurückholen«, was einem angeblich genommen wurde. Das Land, die Sprache, die Identität. Und stets muss etwas »weg«. Was da »weg muss«, so Metz und Seeßlen, ist das, was sich der Transformation und dem Zugriff noch entzieht. Wo man die Schuldigen nicht benennen kann, muss man sich das passende Opfer erfinden. »Lock her up!«
Es kursieren die immer gleichen Erzählungen, unterschiedlich stark dosiert und endlos kombiniert. Von den »Eliten«, vom »Volk«, der »Flut«, der »Umvolkung«, der »Verschwulung« usw. Jedes Element dieser Erzählung ist für sich genommen ziemlicher, nun ja: Blödsinn. Ließe sich leicht widerlegen, hielte keinem Faktencheck stand. Aber jedes Element verweist aufs nächste, und der Blödsinn bestätigt sich gegenseitig. So entsteht nicht nur ein abgedichtetes Weltbild, in dem das Wirrwarr der nicht verarbeiteten Widersprüche zu einer durchgängigen Erzählung wird. Es entsteht geradezu eine Gebrauchsanleitung der Gesellschaft in der Krise.
Und es entsteht die Gemeinschaft einer Erzählung, eine Tätergemeinschaft und eine fantasierte Opfergemeinschaft. Es sind Verfolger, die sich permanent verfolgt fühlen. Lautet das Grundprinzip der Rechten, wie Metz und Seeßlen zeigen, »Wir gegen die«, so kann es keine Krise geben, die alle Menschen betrifft. Weder eine Klimakatastrophe noch eine Pandemie und auch keine Krise der Produktion. Hinter, neben und über der gesellschaftlichen, also ort- und subjektlosen Herrschaft, muss es noch etwas geben. Da muss jemand sein, der die Fäden zieht und das alles mit bösen Absichten orchestriert. Also gut verkleidet ist dieser Antisemitismus nicht unbedingt.
Man wird nicht etwa in der Welt der Lohnarbeit ausgebeutet und manipuliert. Nein, es sind die »Globalisten«, die einem die Identität rauben. »Wie der ewige Jude ist die globalistische Elite das Modell des ökonomischen Antisemitismus«, schreiben Metz und Seeßlen, »der Teil des Kapitalismus, den man ›abspalten‹ und hassen darf, um den anderen Teil umso intensiver zu fördern und zu ›genießen‹.« Jede Variante des antisemitischen Memes hat in der rechten Erzählung seinen Platz. Es gibt den alten, den »Spießer-Antisemitismus« (Jean Améry) ebenso wie den neuen, den »israelbezogenen«, den antizionistisch angemalten. Es gibt den maskierten wie den verschobenen, den »Ersatz-Antisemitismus« und die »Ersatz-Juden«. Der autoritäre Charakter kann von den Verschwörungsfantasien gar nicht genug bekommen.
Vereinigen sich die forgotten men aller Länder, heißt das nichts Gutes, nämlich: Erneuerung von Familie, Heimat, Reich und Ordnung. Der Wutbürger-Nachbar mag genauso ticken wie ein Orbán oder ein Trump. Nur versprechen Letztere »den Weg vom passiven Missmut zur aktiven ›Machtergreifung‹«. Dieser Bruch, den das rechte Weltbild erklärt und fordert, ist auch der Versuch, so Metz und Seeßlen, das, was auseinandergefallen ist, noch einmal zu kitten – Staat, Gesellschaft, Individuum; Über-Ich, Ich, Es. Die Lösung nach der Los- und Erlösung? Eine neue Ordnung.
Eine mit eindeutigen Regeln, klaren Grenzen und Hierarchien. Zwischen den Geschlechtern ebenso wie in der Kulinarik. Im Staat wie in der Gesellschaft, die keine mehr sein soll. Man will Kontrolleur und Erfüller sein. Man will ausschließen, statt sich ausgeschlossen fühlen. Man will selbst Herrschaft sein und ausüben, statt sich beherrscht zu fühlen. Man will »Take back control!« – das männliche Subjekt in seiner zentralen Rolle sehen –, statt Ohnmachtsgefühl, das als »Entmännlichung« erscheint. Es geht einem besser, wenn es anderen nur immer schlechter geht. »Ein solches System«, so Metz und Seeßlen, »ist nicht ohne Gewalt zu erzeugen.«
Halt, stopp! Würde ein Thomas Ebermann dazwischenrufen. Hat nicht der gesunde Menschenverstand, die instrumentelle Vernunft viel mehr Gewalt in sich als alle neurechten Parteien, Gruppen, Verlage, Zeitschriften, Websites, Institute, YouTube-Kanäle, Blogs und Thinktanks zusammen? Dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, ist schließlich nicht die Schuld der AfD, sondern geht aufs Konto der aufrechten Demokrat:innen. Manchmal ist der Unterschied zwischen den blöden Fantasien des Rechtspopulismus und dem blöden Realismus der Demokratie eben gar nicht so groß.
Wenn es zutrifft, dass die konformistische Revolte von rechts die neoliberale Umgestaltung vollendet, paradox: indem sie sich ihr entgegenstellt; wenn dabei so einige der althergebrachten Tugenden der bürgerlichen Gesellschaft gründlich entsorgt werden müssen; und wenn dadurch kaum mehr übrigbleibt als deren sozialdarwinistischer Kern: Dann besteht diese Volksgemeinschaft nicht aus »Ewiggestrigen«. Dann ist sie vielmehr die Avantgarde eines Neoliberalismus, der drauf und dran ist, sich eine neue Form zu verpassen.
Zwar gerät den beiden die Kritik am »Neoliberalismus« bisweilen eine Spur zu holzschnittartig. Etwa wenn sie in ihm lediglich eine »Verschärfung des Kapitalismus« sehen. Oder wenn sie schematisch, fast begriffslos feststellen: »Die Marktwirtschaft trennte sich vom Sozialen«. Dem prächtigen Selbstbild entsprach die Demokratie eben nur, solange man nicht so genau hinsah. Genauer hingesehen haben Autoren, die bei Metz und Seeßlen nicht vorkommen, wie Herbert Marcuse oder Johannes Agnoli. Letzterer hatte bereits dem »demokratischen Kapitalismus« eine »Involution« attestiert: eine Rückbildung der Demokratie und eine Wahlverwandtschaft von sozialer Marktwirtschaft und Faschismus. Unerwähnt bleiben auch die klassischen Analysen von Horkheimer über Adorno bis Löwenthal. Ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit der großen Krise der Nullerjahre.
Aber das kann man ja auch als Aufgabe betrachten: auch den neuen Faschismus nicht als das andere dieser Gesellschaft zu denken, sondern als von ihr erzeugt. Spielte man nur die (alte) Demokratie gegen ihre (neuen) Feinde aus, man wäre mindestens hilflos. Sicher: Viel zu verteidigen gibt es nicht. Und wer glaubt, eingequetscht zwischen den »Eliten« von oben und den Geflüchteten von unten, gegängelt von Liberalen und Queeren von allen Seiten, seine »Identität« zu verlieren: Der ist der Kritik ohnehin nicht mehr zugänglich. Der Kritik zugänglich sind die Verhältnisse – die Blödmaschinen –, unter deren Bann die Menschen denken und fühlen, sprechen und handeln. Und diese Kritik, nicht zuletzt das verdeutlicht das über weite Strecken beneidenswert gut geschriebene Buch, diese Kritik kann nur eine im Wortsinn radikale sein.
Markus Metz, Georg Seeßlen, »Blödmaschinen II. Die Fabrikation der politischen Paranoia«, Suhrkamp: Berlin 2025, 348 Seiten, 22 Euro